Mother Wars

Es ärgert mich, wie oft es besonders in Erziehungsfragen nur schwarz-weiß gibt und auch alle Informationen, die man zu einem Thema findet, entweder oder sind. Oft fühle ich mich eher irgendwo in der Mitte wohl. Nicht weil ich mich nicht festlegen will, sondern weil das Leben nunmal bunt ist - und nicht schwarz-weiß!

Alles in allem - steh ich immer an irgendeiner Stelle, über die man streiten kann. Gleichzeitig frage ich gerne, wie andere etwas machen und wie die neuesten Forschungsergebnisse sind - um zu schaun, was man nachmachen kann oder was lieber nicht. Leider fühlen sich andere Mütter sofort angegriffen, wenn man ihnen nicht 100% zustimmt, oder greifen selber an, wenn man etwas anders macht. Trotzdem suche ich immer nach Gleichgesinnten mit ähnlichen oder anderen Erfahrungen zum Austausch, also kommentiert gerne! :)

Ich glaube, dass jedes Kind und jeder Erwachsene anders ist und man eine Kombination finden muss, die für alle passt.
Prinzipiell glaube ich, dass ein Kind Bedürfnisse hat, die man erfüllen sollte - genau wie seine Eltern. Und nur glückliche Eltern erziehen glückliche Kinder.
Ich glaube, dass alle Erziehung sowieso kaum was bringt, wenn man´s nicht vorlebt, weil Kinder eh machen, was ihre Eltern machen.
Und ich glaube, dass Grenzen und Konsequenzen einem Kind Sicherheit geben, die es braucht, auch wenn es das nicht immer schön findet.
Nach diesen Glaubenssätzen versuche ich im Jungle von Ratschlägen und Forschungsergebnissen so zu handeln, dass wir alle vier gut und vor allem glücklich damit leben können...

Montag, 27. April 2015

Schreien lassen - Babyalter bis Trotzphase

Deutschland ist das einzige Land, indem es die Theorie gibt, man müsse Babys mal schreien lassen - das würde sie abhärten. Dies geht zurück auf einen Erziehugnsratgeber der Nazis, nachdem eine ganze Generation ihre Kinder erzogen hat - die wiederum nach der Methode ihrer Eltern ihre Kinder erziehen ... und so hält es sich sehr hartnäckig in den Köpfen der Eltern.

Vor dem ersten Geburtstag haben Kinder kein Wenn-Dann-Verständnis. Das heißt, das ewig unterstellte "Wenn ich weine, dann kommt Mama" verstehen sie überhaupt nicht. Natürlich kann man sie an Dinge gewöhnen, das ist aber was anderes. Kinder weinen im ersten Lebensjahr nicht, weil sie etwas wollen - sondern weil sie etwas brauchen! Das Erfüllen dieser Bedürfnisse, die liebevolle, verlässliche Zuwendung durch die Bezugspersonen stärkt das Urvertrauen des Kindes - und damit in die Eltern, in sich selbst und in das Gute in der Welt. Wenn wir Hunger haben, gehen wir zum Kühlschrank, wenn uns kalt ist, holen wir uns einen Pulli, wenn wir uns einsam fühlen, kuscheln wir uns an unseren Partner oder rufen unsere Freundin an oder gehen in den nächstbesten Club. Babys können das nicht. Sie brauchen uns als Eltern, um ihnen beizustehen. Tun wir das, stärken wir sie - nicht indem wir sie alleine schreien lassen und ihnen so nur eins zeigen: ich bin hilflos, ich bin unwichtig, ich bin allein. Kann Urvertrauen im ersten Lebensjahr nicht aufgebaut werden oder wird es später zerstört, ist das oft die Ursache für Bindungsprobleme, Aggressionen, Depressionen, Angst... Das Babys irgendwann aufhören zu schreien und dann in ähnlichen Situationen nicht erneut schreien, heißt auch nicht, dass sie gelernt haben "wer hier die Regeln macht". Beim ersten Mal schreien sie, bis zur völligen Erschöpfung - die teilweise sogar den plötzlichen Kindstod begünstigt. Später schreien sie nicht mehr, aus Selbsterhaltungstrieb: lieber die Kräfte einteilen, denn es hilft mir eh keiner.

Mit diesem Wissen haben wir unsere Kinder als Baby niemals alleine schreien lassen. Klar waren wir mal auf dem Klo, wenn sie anfingen zu weinen und nicht in Sekundenschnelle anwesend. Natürlich konnten wir die Koliken nicht wegzaubern. Natürlich sind Babys auch mal frustriert, weil sie mehr wollen als sie können oder weil das Spülmittel so lecker aussieht und Mama es trotzdem wegnimmt. Aber wir waren so schnell wie möglich da, haben getröstet, gestreichelt, getragen, motiviert und alles in unsere Macht stehende versucht - aber vor allem waren wir einfach da! Was uns in manchen schweren Nächten geholfen hat, es trotz aller Müdigkeit und Frustration durchzuhalten, war Akzeptanz: du kannst nicht schlafen, also stehen wir auf, du spielst und Mama macht die Wäsche. Es machte mich weniger aggressiv als immer wieder nachts fruchtlose Schlafversuche zu starten und müde genug, tagsüber zu schlafen, wenn das Baby schlief (und ich hatte dann nicht das Gefühl, noch Haushalt machen zu müssen). Ob wir damit schlechte Schlafgewohnheiten etabliert haben, kann ich noch nicht sagen. Bisher ging es mit ein wenig Konsequenz und Schlaftraining immer wieder zu einem guten Rhythmus.

Anders sieht das ganze nach dem ersten Geburtstag aus. Kinder entwickeln nun das Wenn-Dann-Verständnis - und auch wenn sie ihre Eltern in dem Alter noch nicht absichtlich und geplant manipulieren, begreifen sie sehr schnell, wenn ein von ihnen gezeigtes Verhalten den gewünschten Erfolg zeigt. Man könnte es auch Konditionierung statt Manipulation nennen, das Prinzip ist hier aber nunmal das selbe: ich schreie den Supermarkt zusammen (weil das nunmal die mir nächstliegende Art ist meinen Unmut auszudrücken und es noch ein paar Jahre dauert, bis ich sowas kontrollieren und anders ausdrücken kann) und bekomme Schokolade - ich werde also für`s Schreien belohnt, das merk ich mir doch. Hier wird es dann für die Eltern, die größte Herausforderung herauszufinden, wann das Weinen ein Bedürfnis ausdrückt und wann einen Wunsch, den man vielleicht nicht unbedingt erfüllen will. Klar, im Supermarkt ist das einfach. Da kann ich persönlich meine Ohren super auf Durchzug stellen, in solchen Situationen gibt es bei mir erstmal gar nichts. Selbst wenn ein Stück Schokolade völlig ok wäre, wenn er normal gefragt hätte - bei weinendem Schreianfall stellt Mama auf stur. Allerdings niemals auf lieblos. Ich nehm sienin den Arm und durchlebe mit ihnen meist das Gefühl. (Ist blöd, mein Schatz, ich verdteh, dass du dich ärgerst. Ist ok.) Aber ich erfülle deswegen nicht, was sie wollen. Frusttrationstoleranz lernen ist eine essentielle Fähigkeit, ohne die viele Probleme im Erwachsenenleben vorprogrammiert sind. Und wenn sie es nicht in Mamas liebevollem Arm lernen, wird es nur härter. (Hat durch die Konsequenz den Nebeneffekt, dass diese Schrei-Momente meist sehr kurz sind - die Erfahrung lehrt, es nützt hier ja nix. ;) )
Aber was ist z. B. beim Schlaftraining? Wann weint das Kind, weil es gerade die Nähe braucht - und wann, weil es einfach eine Gewohnheit ist, an Mama rumzuzupfen während des Einschlafens, die es gerne beibehalten und durchsetzen will? Bis zum zweiten Geburtstag habe ich mich im Zweifelsfall für "Bedürfnis" entschieden und nur schreien lassen, wenn es ganz klar Willen durchsetzen/Wutanfall war. Und vor allem nicht "verlassen" beim Schreien! Die gute Nachricht ist: Das Urvertrauen baut sich sehr stark im ersten Lebensjahr auf. Im zweiten Jahr muss man die Kinder schon stark enttäuschen, um es zu zerstören. Das ist nicht unmöglich - wenn aber alles andere gut läuft und das Kind sich geliebt und wahrgenommen fühlt, wird das Vertrauen auch durch das ein oder andere Missverständnis nicht zerstört.

Richtig schwierig wird es dann ab dem zweiten Geburtstag. Kinder weinen immer noch oft, weil sie ihre Bedürfnisse und vor allem ihre Emotionen auf diese Art spontan ausdrücken, das ist gesund und es zu regulieren und kontrollieren lernen sie u. a. während der nächsten zwei Jahre. Aber: auch die weltberühmte Trotzphase beginnt - und dauert im Schnitt ebenfalls zwei Jahre. Sie entsteht durch das Spannungsverhältnis "ich kann schon so viel, ich will alleine" vs. "ich komme an meine Grenzen, die Welt überfordert mich". Sie ist völlig normal, hat rein gar nichts mituns Eltern zu tun und wenn Sie gelegentlich mit dem Gedanken spielen, Ihr Kind zu knebeln und zu fesseln und im Nebenraum einmal ordentlich den Urschrei zu proben - so geht es allen mal. ;) Im Nebenraum ein paar Mal kräftig in den Bauch atmen hilft meistens ganz gut - und bis Sie zurück kommen hat sich Ihr Kind aus lauter Irritation darüber, dass Sie gegangen sind, meist ebenfalls beruhigt. ;) Hier also ruhig mal schreien lassen - da ist es tatsächlich das Gesündeste für alle Beteiligten - Emotionen sollte man ausleben dürfen. Noch besser: mit Eltern zusammen durchleben, helfen beim Frust. Aber jedes Elternteil kommt mal an seine Grenzen. Und das Kinder ihre Gefühle ausleben, zeigt wie sehr sie uns vertrauen: Kinder rebellieren dort, wo sie sich sicher fühlen! :) Trotzdem - das Kind ist noch so klein! Es ist erst zwei, es braucht uns noch. Hier rauszufinden, wann man einem Bedürfnis des Kindes folgen muss und wann man besser streng und konsequent sein muss - das ist das Anstrengendste während dieser zwei Jahre. Meine persönliche Hölle, um genau zu sein. Aber: tut man es nicht, hat man die nächsten 18 Jahren einen Tyrannen im Haus und die Trotzphase vergeht niemals! Konsequenz und schreien lassen sind hier tatsächlich die Mittel der Wahl, um die Trotzphase unbeschadet und vor allem schnell zu überstehen. Es kommt halt immer auf das wie an! Aber es ist eine enorme Menge an Einfühlungsvermögen und Geduld nötig, um gleichzeitig das Urvertrauen weiter aufzubauen bzw. nicht anzuknacksen.
Es schadet nicht, sie möglichst viel alleine versuchen zu lassen und möglichst viel (draußen) toben zu lassen. Aber es hilft dem Kind, dass sich gar nicht erst so viel aufstaut. Kurz nach seinem zweiten Geburtstag fing Sohnemann z. B. an, sein Brot selbst zu schmieren (mit einem stumpfen Messer) oder sich selbst einen Apfel aus dem Schrank zu holen, den Hocker ans Waschbecken zu schieben und ihn vorm Essen abzuwaschen. Ok - der Weg zum Briefkasten dauert schon mal eine Stunde statt zehn Minuten, wenn man jede Ameise untersuchen muss. Aber was schadet es, wenn man später zu Hause ist? (Den Gedanken musste ich auch erst lernen, aber er erleichtert das Leben ungemein. Außerdem: wann haben Sie das letzte Mal die Beine einer Ameise gezählt? ;) Na, wer weiß, wie viele da sein sollten? Die Statistik beweist, wer sich drauf einlässt, leidet weniger schnell am Burn Out. :) Und wenn es wirklich mal schnell gehen muss, nehmen wir den Buggy.)
Nach der Trotzphase sind wir dann endlich dort angekommen, wo man ruhig öfter mal schreien lassen darf, aber es sich zum Glück im Normalfall auf ein Minimum relativiert. Mit vier Jahren ist das Urvertrauen gut gestärkt, die Kommunikations- und Verständnisfähigkeit gut ausgebaut - und alles andere ist ein Dickkopf, der ruhig mal bocken darf. Für mich war dann das schlimmste vorbei! :D

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