Mother Wars

Es ärgert mich, wie oft es besonders in Erziehungsfragen nur schwarz-weiß gibt und auch alle Informationen, die man zu einem Thema findet, entweder oder sind. Oft fühle ich mich eher irgendwo in der Mitte wohl. Nicht weil ich mich nicht festlegen will, sondern weil das Leben nunmal bunt ist - und nicht schwarz-weiß!

Alles in allem - steh ich immer an irgendeiner Stelle, über die man streiten kann. Gleichzeitig frage ich gerne, wie andere etwas machen und wie die neuesten Forschungsergebnisse sind - um zu schaun, was man nachmachen kann oder was lieber nicht. Leider fühlen sich andere Mütter sofort angegriffen, wenn man ihnen nicht 100% zustimmt, oder greifen selber an, wenn man etwas anders macht. Trotzdem suche ich immer nach Gleichgesinnten mit ähnlichen oder anderen Erfahrungen zum Austausch, also kommentiert gerne! :)

Ich glaube, dass jedes Kind und jeder Erwachsene anders ist und man eine Kombination finden muss, die für alle passt.
Prinzipiell glaube ich, dass ein Kind Bedürfnisse hat, die man erfüllen sollte - genau wie seine Eltern. Und nur glückliche Eltern erziehen glückliche Kinder.
Ich glaube, dass alle Erziehung sowieso kaum was bringt, wenn man´s nicht vorlebt, weil Kinder eh machen, was ihre Eltern machen.
Und ich glaube, dass Grenzen und Konsequenzen einem Kind Sicherheit geben, die es braucht, auch wenn es das nicht immer schön findet.
Nach diesen Glaubenssätzen versuche ich im Jungle von Ratschlägen und Forschungsergebnissen so zu handeln, dass wir alle vier gut und vor allem glücklich damit leben können...

Sonntag, 17. Mai 2015

Stillen vs. Flasche

Ich bin pro stillen, aber den Mythos, dass jede Frau stillen kann, halte ich für das Dümmste was man Schwangeren sagen kann, die überlegen zu stillen. Das ist, als ob ich sage: jeder Mensch kann laufen. Zum einen gibt es immer mal wieder welche, die es eben nicht können - und sich durch solche Allgemeinsätze nicht besser fühlen. Zum anderen kann auch niemand einfach aufstehen und loslaufen - sondern braucht jemanden, den sie beobachten kann, jemanden, der mal die Hand reicht bei den ersten Versuchen und jemanden, der beim aufgeschlagenen Knie ein Pflaster hat. Übertragen auf das Stillen heißt das: vor 100 Jahre konnte vielleicht tatsächlich jede Frau stillen - weil sie es überall beobachten konnte, Mama, Nachbarin oder Freundin ihr sagen konnte, worauf man achten sollte, was hilft etc.
Rein physisch können sicherlich 95% der Frauen stillen, egal welche Form und Größe Brüste und Brustwarzen haben. Aber: ich kenne niemanden (!) bei dem es nicht zwei bis vier Wochen dauert, bis das Stillen problemlos klappte. Und das waren diejenigen, die gesunde Kinder hatten und neben einer stillfreundlichen Hebamme und einem stillfreundlichen Krankenhaus noch zusätzlich eine Stillberaterin und einen unterstützenden Partner/Umfeld und einen stillfreundlichen Kinderarzt hatten, sowie Zeit genug zu essen und zu trinken und Ruhe entspannt zu stillen. Fällt einer dieser Faktoren weg, dauerte das problemlose Stillen länger - oder blieb immer eher ein K(r)ampf statt eine für Mutter und Kind entspannte Sache. Ich erinnere mich, wie ich in der ersten Nacht zu Hause verzweifelt weinte, weil unser Sohn vor Durst schrie aber nicht andocken konnte - bis mein Mann (der nur einen einzigen Artikel über Schwangerschaft und Babyzeit gelesen hatte - aber der war über´s Stillen) den "C-Griff" anwendete.

Stillen ist gesünder für Mutter und Kind. Es senkt das Brustkrebsrisiko ebenso wie das Risko für Übergewicht und stärkt das Immunsystem.
Und (ich muss gestehen der Hauptgrund, warum ich ein Jahr gestillt habe): es ist unfassbar praktisch! Man hat es immer hygenisch und in der richtigen Temperatur dabei. Und wenn man das Glück hat wie wir, dass unser Sohn ohne Saugverwirrung problemlos auch mal die Flasche nimmt, kann man sich durch Abpumpen auch immer mal ein paar freie Stunden erschleichen (sei es um mit Freundinnen ins Kino zu gehen oder schon mal ins Bett, während Papa die letzte Abendrunde übernimmt) und die Bindung zum Papa durch die Flasche stärken.
Daher bin ich ein großer Freund davon, es zumindest zu versuchen.

ABER: Es gibt auch sehr gute Gründe, nicht zu stillen: physische oder psychische Erkrankungen sind nur eines davon. Ich kenne auch Mütter, die es sich emotional nicht zutrauten oder während der Schwangerschaft durch Übelkeit so viel Gewicht verloren hatten, dass sie kaum Milch produzieren konnten - und das wenige versiegte durch den Stress, den sie sich wegen des Stillens machten (zumal die Muttermilch nach extremer Abnahme auch oft mit den im Fettgewebe eingelagerten Schadstoffen versetzt sein kann).
Im Endeffekt braucht ein Kind meiner Meinung nach eine glückliche Mutter dringender als eine stillende Mutter!

Trotzdem: wer gerne stillen möchte, sollte sich eine Stillberaterin suchen (auch ruhig schon wie eine Hebamme vor der Geburt) und/oder eine Stillgruppe. NIEMAND stillt von Anfang an problemlos. Und so natürlich stillen auch ist - früher lernte man es durch Beobachtung (weil es omnipräsent war) und von der eigenen Mutter. Heute sollte man sich diesen Luxus ebenfalls gönnen. Stillberaterinnen wissen wirklich in 90% der Fällen Rat. Und: Hebammen sind keine Stillberaterinnen! Wenn ihr Glück habt, ist eure Hebi pro stillen - aber selbst dann sind ihre Ausbildung und ihr Erfahrungen andere als die einer Stillberaterin!

Auch beim Stillen in der Öffentlichkeit scheiden sich ja die Geister. Ich habe in Cafés und Bushaltestellen gestillt - sogar während des Spaziergangs im Tragetuch. Damit muss jede Mutter sich aber selbst wohlfühlen. Aber ein Poncho verdeckt das meiste und erleichtert die Mobilität (besser als wenn man immer zu Hause sein muss zum Stillen). Dumme Kommentare gibt es immer mal wieder, aber zum Glück steigt die Akzeptanz immer mehr. Ein Pastor sagte mir mal, Jesus sei auch gestillt worden, daher sei das in seiner Kirche kein Problem. :)

Ein letzter Aspekt noch zum Stillen: ich finde es erschreckend, wie viele selbst ernannte Still-Experten es gibt, die selbst gar nicht oder nur kurz (6 Monate oder weniger) gestillt haben. Besonders von diesen Freunden und Bekannten bekam ich oft den Rat "Dann still doch ab!" - egal bei welchem Problem. Denn für diese ist Stillen = Nahrung. Aber die meisten Stillenden wissen oder spüren: Stillen ist so viel mehr als Nahrung. (Eine Freundin von mir hatte große Probleme mit dem Stillen. Nach drei Monaten arbeitet sie komplett dual: Nahrung kam aus der Flasche - gestillt wurde "für den Rest". ;) ) Phasenweise "stillte" (nuckelte an der Brust ohne zu trinken) unsere Tochter sechs Stunden nachts - das schlaucht nach ein paar Wochen extrem. Das hatte aber (trotz BLW Ernährung) nichts mit Hunger zu tun (dann hätte sie ja trinken können - die Brust ist nie leer und dass Frauen "zu wenig Milch" haben, gibt es wirklich selten)! Stillen senkt einerseits z. B. auch das Schmerzempfinden (zahnen!) und hilft Säuglingen andererseits sich als Teil von Mama zu fühlen - was gegen viele Ängste hilft. Bei uns war es eine gesteigerte Wahrnehmung plus die ersten Zähne - und die Verarbeitung dessen im Schlaf, am liebsten als Teil von Mama, am liebsten zurück in Mamas Bauch! (Wenn das nur ginge - also das Zweitbeste: stillen.) 
Nur weil stillen sie tröstet und beruhigt und ihr auf so viel mehr Ebenen als nur Nahrung gibt was sie braucht, verschwindet das Problem ja nicht, nur weil ich eine Lösung weglasse. Kopfschmerzen verschwinden ja auch nicht, weil die ich Kopfschmerztabletten wegschmeiße! -.-' 
Stillbabys können genauso gut oder schlecht oder früh oder spät durchschlafen wie Flaschenbabys! Stillbabys werden nicht unselbständig oder verwöhnt, wenn man sie zur Beruhigung stillt (eher im Gegenteil - wobei ich glaube, hier kommt der "Neid": man KANN problemlos zur Beruhigung stillen, weil man Stillkinder nicht überfüttern kann, auch mal für drei Schluck schnell und unkompliziert andocken kann und sie mit einem Schritt auf so viel mehr Arten beruhigt werden als durch Nahrung - wir Stillmütter müssen uns oft einfach keine anderen Tricks ausdenken für ein Stündchen Ruhe. ;p )
Mädels: lasst euch nicht verunsichern! ✊

Aber: Dieser Missbilligung gegenüber Flaschenmüttern finde ich furchtbar. Hier mal die Dinge, auf die ich als Stillmutter neidisch bin und die man ruhig mal erwähnen darf: die Bindung zum Vater ist oft enger, wenn er auch mal die Flasche gibt - und damit das abgeben: man kann sich alles teilen, man kann abwechselnd unruhige Nächte überstehen etc! Was für ein Geschenk!! Außerdem kann man die Kinder früher und problemloser mal abgeben. Welche Freiheit für die Partnerschaft (und Eltern, die kein Paar mehr sind, sind für Kinder ein größeres Problem als eine Flasche!).
Und: man kann auch unterwegs im Auto mal füttern, ohne auf den nächsten Rastplatz warten zu müssen.

Was ich aber bei Flaschenmüttern eher kritisch sehe: manchmal sieht man, dass sie ihren Babys schon früh die Flasche alleine zum Halten geben und derweil anderes tun. Als Nahrungsersatz ist Flaschenmilch in Deutschland durch viele Kontrollen nicht schlecht. Aber Babys brauchen noch mehr: Nähe, Körperkontakt, Herzschlag. Diese Bedürfnisse kann man beim Fläschchen geben auch erfüllen - und das sollte man auch!

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