Mother Wars

Es ärgert mich, wie oft es besonders in Erziehungsfragen nur schwarz-weiß gibt und auch alle Informationen, die man zu einem Thema findet, entweder oder sind. Oft fühle ich mich eher irgendwo in der Mitte wohl. Nicht weil ich mich nicht festlegen will, sondern weil das Leben nunmal bunt ist - und nicht schwarz-weiß!

Alles in allem - steh ich immer an irgendeiner Stelle, über die man streiten kann. Gleichzeitig frage ich gerne, wie andere etwas machen und wie die neuesten Forschungsergebnisse sind - um zu schaun, was man nachmachen kann oder was lieber nicht. Leider fühlen sich andere Mütter sofort angegriffen, wenn man ihnen nicht 100% zustimmt, oder greifen selber an, wenn man etwas anders macht. Trotzdem suche ich immer nach Gleichgesinnten mit ähnlichen oder anderen Erfahrungen zum Austausch, also kommentiert gerne! :)

Ich glaube, dass jedes Kind und jeder Erwachsene anders ist und man eine Kombination finden muss, die für alle passt.
Prinzipiell glaube ich, dass ein Kind Bedürfnisse hat, die man erfüllen sollte - genau wie seine Eltern. Und nur glückliche Eltern erziehen glückliche Kinder.
Ich glaube, dass alle Erziehung sowieso kaum was bringt, wenn man´s nicht vorlebt, weil Kinder eh machen, was ihre Eltern machen.
Und ich glaube, dass Grenzen und Konsequenzen einem Kind Sicherheit geben, die es braucht, auch wenn es das nicht immer schön findet.
Nach diesen Glaubenssätzen versuche ich im Jungle von Ratschlägen und Forschungsergebnissen so zu handeln, dass wir alle vier gut und vor allem glücklich damit leben können...

Mittwoch, 30. März 2016

Belohnung und Strafe

Ein gewisser Herr Pawlow machte bei seinen Hunden eine interessante Entdeckung: vor jedem Füttern wurde eine Glocke geläutet - beim Füttern sabberten die Hunde (ein angeborener Speichelreflex). Nach einer gewissen Zeit, sabberten die Hunde schon, wenn sie nur die Glocke hörten, die Glocke war durch die Verbindung mit Futter ebenfalls zum Auslöser des Reflexes geworden. Das Konditionieren war entdeckt.
Skinner entwickelte das Ganze unter dem Namen Behaviorismus noch weiter: er belohnte z. B. Tauben immer mit Futter, wenn sie den Kopf in eine bestimmte Richtung bewegten - und hatte sie so in kürzester Zeit soweit, dass sie das Gesicht einer bestimmten Person seiner Wahl aus einem Foto pickten.
Was bei Tieren funktioniert, funktioniert genauso beim Menschen. Wird eine bestimmte Situation wiederholt mit einem bestimmten Reflexauslöser verknüpft, löst irgendwann schon die Situation den Reflex aus. Häufig ist das z. B. bei Kindern zu beobachten, die geschlagen werden: eine laute Stimme zusammen mit einer hecktischen Bewegung führt dazu, dass sie zusammen zucken oder sich ducken.
Der Behaviorismus ist das, was viele Eltern und Erzieher täglich anwenden, um das Verhalten ihrer Zöglinge zu beeinflussen.
Man unterscheidet dabei vier Arten, ein gezeigtes Verhalten zu beeinflussen: positive und negative Belohnung sowie positive und negative Strafe. Negativ ist hier nicht als schlecht, sondern als Wegfall von etwas gemeint.
- Eine positive Belohnung gibt einen guten Reiz, z. B. Belohnung durch Süßigkeiten für ein erwünschtes Verhalten.
- Eine negative Belohnung lässt einen schlechten Reiz wegfallen, z. B. wenn Schüler besonders gut mitgearbeitet haben und darum keine Hausaufgaben machen müssen.
- Eine positive Strafe gibt einen schlechten Reiz, z. B. Zimmerarrest.
- Eine negative Strafe entzieht einen guten Reiz, z. B. Fernsehverbot.
Diese Art der Verhaltensmodifikation zeigt schon bei Kleinstkinder Erfolg: Schreikinder, die bei jeder noch so kleinen Schreipause sofort durch Lächeln und körperliche Zuwendung belohnt wurden und während der Schreiphasen ignoriert wurden, schrien schon nach kurzer Zeit weniger (diese Experimente stammen aus den 1960er Jahren und sind mit dem heutigen Wissen von Urvertrauen nicht mehr zur Nachahmung zu empfehlen, zumindest nicht das Ignorieren - die positive Belohnung für Schreipausen kann immer noch hilfreich sein!)

Uns stellte sich jedoch die Frage, wollen wir unsere Kinder dressieren oder sie zu selbständig denkenden Menschen erziehen? Letzteres ist zwar anstrengender (Kinder mit eigener Meinung ;) ), aber wie schon Hannah Arndt wusste: die Kinder und Jugendlichen, die wir als Erzieher anstrengend finden, weil sie alles hinterfragen und kommentieren müssen, sind die Erwachsenen, die wir brauchen, um zu verhindern, dass sich so etwas wie der Zweite Weltkrieg wiederholt. Wer nur lernt, sich an Autoritäten und deren Lob/Strafe zu orientieren, wird auch im späteren Leben eher unhinterfragt Autoritäten folgen. Wer nicht versteht, warum etwas richtig oder falsch ist, wird seine Handlung nicht aus Einsicht, Mitgefühl oder Mitdenken ändern, sondern nur bezogen auf sich selbst ändern: ich will eine bestimmte Reaktion meiner Eltern auslösen oder vermeiden, also muss ich mich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten. Sind meine Eltern nicht da, tu ich, was ich will.

Für uns bestand der Weg dorthin u. a. darin, dass wir nicht mit Lob und Strafe zur Verhaltensmodifikation arbeiten wollten. Statt dessen wollten wir konsequent sein - und sie die Konsequenzen ihrer Handlungen erfahren lassen, damit ihnen immer bewusst ist, dass all ihre Handlungen gute oder schlechte Konsequenzen haben, unabhängig von Mama und Papa. Wir erhoffen uns davon auch, dass sie schon als Teenager, aber erst recht als Erwachsene, wissen und bedenken, dass alles Folgen hat und bedenken, ob sie damit leben können.
Natürlich loben wir unsere Kinder (wenn es angebracht ist und nicht für jeden queren Pups, z. B. eher "ich find's toll, dass du dich mit deinem Malbuch so gut alleine beschäftigt hast" als für drei krakelige Striche in Begeisterung auszubrechen - oder auch mal "ich find es toll, dass du Spaß am Malen hast, aber nur dreimal um das Ausmalbild zu kreisen mit dem Stift ist nicht so schön, komm, wir malen es zusammen ganz aus" - es ist für die Kinder oft viel schöner, wenn sie wirklich WAHRGENOMMEN werden und nicht einfach nur alles "super" ist).
Natürlich empfinden sie einige Konsequenzen als gut/Belohnung, andere als blöd/Strafe. Darum geht es auch nicht - wir Erwachsenen finden manche Folgen im Leben ja auch schöner als andere. Wichtig war uns nur, dass die Konsequenzen logisch im Zusammenhang zur Handlung steheen - und nicht primär von Mama und Papa gemacht werden. Wichtig war uns, dass sie lernen, (vorher) über ihre Taten und deren Wirkung (auch auf andere) nachzudenken - und nicht nur bzgl dessen, was sie evtl damit erreichen wollen. Umgekehrt heißt das nicht, dass wir sie nicht vorwarnen, was die Konsequenzen sind (z. B. dass es draußen ohne Schuhe kalt sein könnte) und/oder die Intensität der Konsequenzen etwas beeinflussen (z. B  heimlich die Gummistiefel einstecken, damit man eben nicht den ganzen Weg ohne Schuhe laufen muss). Dafür sind wir schließlich die Eltern - Konsequenzen statt Strafen befreien uns nicht von unserer Fürsorgepflicht, sie verlangen von uns nur etwas mehr Überlegung und mehr Aufmerksamkeit/Wahrnehmung unserer Kinder.
Einige Beispiele aus unserem Alltag:
- Wenn man sich nicht die Hände wäscht, passiert eigentlich erstmal nichts. Wenn man sich vorm Kochen die Hände nicht wäscht, darf man nicht helfen (weil Mama erklärt, dass es auch unsichtbaren Dreck gibt und den wollen nicht alle von deinen Händen mitessen). Wenn man sich gar nicht mehr waschen will, kommt Mama mit dem Waschlappen und verhandelt (weil man sich ab und zu mal sauber machen muss, um gesund zu bleiben und das Haus sauberer zu lassen - weil ich meine Kinder aber nicht zwangswaschen will, es ist ihr Körper).
- Um 20h ist Feierabend für Mama und Papa. Macht man sich abends schnell fertig, haben Mama und Papa noch viel Ruhe zum Spielen, Vorlesen und kuscheln. Vertrödelt man die Zeit mit bockig sein oder was anderem, fällt die Kuschel- und Vorlesezeit kürzer aus.
- Ohne Helm gibt es kein Fahrrad (na gut, die ganz logische Konsequenz wäre eine Schädelverletzung beim Unfall zu riskieren, das haben wir auch mal spielerisch so erklärt, aber die in unseren Augen doch relativ logische Regel, haben unsere Kinder auch eingesehen).
- Stößt man sein Glas um, wird nicht gemeckert, aber man muss aufwischen helfen.
- Macht man etwas kaputt, ist es kaputt. Macht man etwas von anderen kaputt, muss man für Ersatz sorgen.
- Manchmal kann man auch statt Verbote/Strafe/Wutanfälle Alternativen anbieten. Statt "du musst jetzt Zähne putzen" - "welche Zahnbürste möchtest du heute benutzen", statt "wenn du das Puzzle mit zum KiGa nimmst und ein Teil verlierst, bist du traurig" - "willst du nicht lieber denn Bagger mitnehmen?", statt "ich möchte nicht, dass du die Schublade ausräumst" - "guck mal, hier ist ein ganzer Schrank mit Tuppertöpfen" oder auch "würdest du diesen Schrank ausräumen, sauber putzen und wieder einräumen?"
- auch Erklärungen funktionieren früh, bei uns war eins der ersten Sachen "Wenn du mit dem Besteck auf den Tisch haust, bekommt der Tisch Macken und Mama aua im Kopf, weil das so laut ist. Kannst du auch in die Hände klatschen, zum Musik machen?" (Man muss halt meistens nur wissen, WARUM sie etwas tun.)
Bis jetzt funktioniert es ausnahmslos gut. Das Meiste machen die Kinder eh so, wie wir es vorleben (z. B. viel Bitte und Danke sagen, sich die Hände waschen, wenn man heim kommt, mit Helm Rad fahren...). Sollte es bei Verhaltensregeln, die uns wichtig sind, mal nicht funktionieren, müssten wir uns überlegen, wie wir reagieren wollen - aber bisher war das nicht nur nicht nötig, wir erleben unseren Großen auch als sehr überlegt. Als ich mal ein fremdes Auto aus Versehen beschädigte und noch geschockt da stand, nahm mein 3-Jähriger mich an die Hand und meinte: "Ist nicht so schlimm, Mama. Das war ein Unfall. Du musst jetzt die Polizei anrufen und Bescheid sagen.":D
Manches dauert jedoch länger. Z. B. kenne ich kein Kind, dass mit 2-3 Jahren nicht plötzlich zum schlechten oder hampeligen Esser wird. In meinem Bekanntenkreis haben einige es so gelöst, dass die Kinder für jedes vernünftige Essen eine Belohnung bekommen, meist Süßigkeiten. Es funktioniert durchaus viel schneller wieder besser als bei uns - nur frag ich mich, was man dabei mit dem natürlichen Körpergefühl und Essverhalten macht, wenn man es so manipuliert.
Ein interessantes Beispiel habe ich vom Beißen. Manche Kinder stecken so vor der Sprachentwicklung ihre Grenzen ab. Wir haben unseren Sohn nie dafür bestraft, denn wir fanden es ok, dass er deutlich machte, was er nicht will. Wir haben ihn jedoch immer erklärt, dass es ok ist, etwas nicht zu wollen, aber nicht ok, anderen weh zu tun. Man kann statt dessen "nein" sagen oder zu Mama/Papa/Erzieherin laufen oder weggehen usw. Allerdings haben wir ihm auch erklärt, wenn ein anderes Kind zurück haute, dass das halt mal passiert, wenn man jemanden weh tut - das kann die Konsequenz daraus sein und es ist nicht schön, wenn man anderen weh tut. Ich gebe zu, es hat mehrere Wochen gedauert, bis es weniger wurde und verschwand erst mit der Sprachentwicklung komplett.
Ein anderes "Beißer"-Kind wurde von der Mutter immer zurück gebissen "damit es lernt, dass das weh tut". Es hörte viel schneller auf zu beißen als unser Sohn - zumindest solange ein Erwachsener dabei war. Fühlt er sich unbeobachtet, haut er bis heute andere Kinder, wenn er etwas nicht will. Erstens denkt er, dass ist als "Strafe" ok, Mama macht das ja auch so; zweitens hat sich sein Verhalten nur geändert, wenn eine strafende Instanz in der Nähe ist; drittens hat er ja keine anderen Handlungsalternativen gelernt, er weiß ja gar nicht, wie er anders reagieren könnte.

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