Mother Wars

Es ärgert mich, wie oft es besonders in Erziehungsfragen nur schwarz-weiß gibt und auch alle Informationen, die man zu einem Thema findet, entweder oder sind. Oft fühle ich mich eher irgendwo in der Mitte wohl. Nicht weil ich mich nicht festlegen will, sondern weil das Leben nunmal bunt ist - und nicht schwarz-weiß!

Alles in allem - steh ich immer an irgendeiner Stelle, über die man streiten kann. Gleichzeitig frage ich gerne, wie andere etwas machen und wie die neuesten Forschungsergebnisse sind - um zu schaun, was man nachmachen kann oder was lieber nicht. Leider fühlen sich andere Mütter sofort angegriffen, wenn man ihnen nicht 100% zustimmt, oder greifen selber an, wenn man etwas anders macht. Trotzdem suche ich immer nach Gleichgesinnten mit ähnlichen oder anderen Erfahrungen zum Austausch, also kommentiert gerne! :)

Ich glaube, dass jedes Kind und jeder Erwachsene anders ist und man eine Kombination finden muss, die für alle passt.
Prinzipiell glaube ich, dass ein Kind Bedürfnisse hat, die man erfüllen sollte - genau wie seine Eltern. Und nur glückliche Eltern erziehen glückliche Kinder.
Ich glaube, dass alle Erziehung sowieso kaum was bringt, wenn man´s nicht vorlebt, weil Kinder eh machen, was ihre Eltern machen.
Und ich glaube, dass Grenzen und Konsequenzen einem Kind Sicherheit geben, die es braucht, auch wenn es das nicht immer schön findet.
Nach diesen Glaubenssätzen versuche ich im Jungle von Ratschlägen und Forschungsergebnissen so zu handeln, dass wir alle vier gut und vor allem glücklich damit leben können...

Montag, 21. März 2016

Verwöhnen vs Bedürfnisse

Wir verwöhnen unsere Kinder - bekommen wir zumindest oft genug zu hören. Manchmal nerven mich diese Kommentare, manchmal erwiedere ich lächelnd "und das aus Überzeugung". Aber hier jetzt mein Plädoyer FÜR das Verwöhnen.

Vorweg ein Wort: ich lehne materielles Verwöhnen grundsätzlich ab, denn meiner Meinung nach lernen Kinder so von allem den Preis - und von nichts den Wert. Außerdem kann kein Spielzeug der Welt Nähe und Geborgenheit ersetzen - was es meiner Beobachtung nach oft genug leider tun soll.
(Nichts desto trotz macht es mir natürlich auch Spaß meinen Kindern materielle Freuden zu machen - aber zu ihren Gunsten versuche ich mich so gut es geht zurück zu halten und das auf ein größeres Teil zu Weihnachten und zum Geburtstag zu beschränken. Dass das auch nicht anders nötig ist, zeigte mein Sohn mir erst kürzlich. Als er sich mal außer der Reihe ein Puzzle aussuchen durfte, weil er seine vorhandenen innerhalb von Sekunden zusammen baute und ich den Schwierigkeitsgrad steigern wollte, wollte er das Malbuch, dass ich ebenfalls kaufen wollte, nicht haben. "Ich hab doch schon ein Puzzle", sprach's und ging.)

Was ist denn dann Verwöhnen?
Wir verwöhnen unsere Kinder mit Liebe, Aufmerksamkeit und dem Erfüllen ihrer Bedürfnisse.
Die Nazis brachten einen Erziehungsratgeber heraus, der davon sprach, man müsse Kinder abhärten, die Lungen durch Schreien stärken und ihnen schon früh Disziplin beibringen. Nach diesem Ratgeber erzog eine ganze Generation ihre Kinder - und deren Kinder erzog ihre Kinder wiederum so, wie sie es von ihren Eltern gelernt hatten, ohne zu ahnen, auf was für einem Mist das fußt. Bis heute ist Deutschland das einzige Land, in dem sich hartnäckig die Vorstellung hält, man könne Babys durch Aufmerksamkeit verwöhnen. Auf die dadurch verursachten psychischen Probleme komme ich weiter unten zu sprechen.
Babys haben kein wenn-dann-Verständnis. Ihr Gehirn gibt das viel zitierte "WENN ich schreie, DANN kommt Mama" gar nicht her. Sie schreien, weil etwas ist: Hunger, Durst, müde, Angst, Einsamkeit, zu kalt, zu warm,... all die Dinge, gegen die wir auch sofort was tun würden, wenn sie uns quälten. Gleichzeitig haben sie auch noch kein Zeitverständnis. "Einen Moment noch" und 100 Jahre sind für sie ungefähr gleich lang.
Das wenn-dann-Verständnis entwickelt sich langsam rund um den ersten Geburtstag. Ab da kann ich ein Kind natürlich gewöhnen (wenn ich mich im Supermarkt auf den Boden schmeiße, dann bekomme ich was Süßes - sowas lernt ein Kind schnell), trotzdem schreien sie immer noch nicht primär, weil sie etwas Bestimmtes wollen, sondern weil sie so ihren Emotionen Luft machen. Das ist prinzipiell nichts Schlimmes und wir Eltern sollten lieber lernen, ihnen da durch zu helfen, statt ihnen Manipulation zu unterstellen oder sie zu bestechen.
Gleichzeitig lernen Babys durch unsere Reaktion auf ihr Schreien natürlich schon etwas. Entweder: ich bin wichtig genug, dass mir jemand hilft, wenn ich mir nicht selbst helfen kann, ich werde geliebt und umsorgt und bin nicht allein. Das nennt man Urvertrauen und ist die Grundlage für einen psychisch gesunden Menschen!
Oder sie lernen: ich bin allein, keiner hilft mir, die Welt ist kalt und einsam, schreien nützt nichts, ich muss meine Kräfte besser sparen. Diese Babys schreien sich kein zweites Mal in den Schlaf - nur nicht, weil sie gelernt haben "wer hier das Sagen hat",  sondern weil etwas Wichtiges in ihnen zerbrochen ist.
Natürlich ist man mal auf dem Klo und nicht sofort da. Natürlich kann man gegen Bauchweh nichts tun, außer da zu sein (was in Babys Welt unfassbar viel ist - Mama und Papa lassen mich nicht alleine, wenn es mir nicht gut geht). Natürlich müssen sie auch mal unzufrieden quengeln, wenn sie z. B. nicht ans Spielzeug kommen, um zu lernen vorwärts zu wollen und zu kommen.
Aber das ist ein Unterschied dazu, sie alleine weinen zu lassen oder immer zu Kindern zu gehen und ihnen zu zeigen: wir sind da, du kannst uns vertrauen, die Welt, in der du lebst, ist nicht grausam und einsam, sondern voller Liebe.
Babys haben ein extremes Bedürfnis nach Nähe, Körperwärme, Geborgenheit und Sicherheit. Das war evolutionär gesehen überlebenswichtig! Die kleinen Baby-Urinstinkte haben noch nicht verstanden, dass Gitterbett, Kinderwagen und Laufstall genauso sicher sind wie Mamas Arm. Für sie bedeutet weg von Mama und Papa primär: meine Nahrungsquelle und mein Beschützer sind nicht da - ich muss vermutlich sehr bald sterben, oh nein!
Dieses Grundbedürfnis nach Nähe zu erfüllen steigert nicht nur das Urvertrauen, sondern in Wirklichkeit auch das Wohlbefinden der Eltern, weil die Babys zufriedener sind, weniger Quengeln und Weinen und die daraus wachsenden Kleinkinder selbstbewusster und selbständiger sind. Der häufigste Satz neben "ihr verwöhnt eure Kinder" ist, "ihr habt aber auch zwei entspannte, fröhliche Kinder!" - ein Schelm, wer da einen Zusammenhang vermutet.
Mit Verwöhnen im negativen Sinne, hat das nichts zu tun. Wobei ich mich frage, wann genau Verwöhnen überhaupt zu etwas Negativem geworden ist...? Ich verwöhne mich gerne und regelmäßig: mit leckerem Essen, mit einem Kuschelabend mit meinem Mann, mit einem Saunaabend, mit einer Massage, mit einem Abend mit guten Freunden, mit einem leckeren Glas Wein... kurz gesagt: mit Nahrung, Wärme und menschlicher Nähe. Warum meinem Kind nicht das Gleiche gönnen, schlimmer noch: es ihm/ihr vorenthalten, weil es sich das ja noch nicht selbst anderweitig besorgen kann!!

Gleichzeitig bin ich der Meinung, dass auch Mama und Papa Bedürfnisse haben, die sie nicht vernachlässigen sollten. Zum einen haben glückliche Eltern glücklichere Kinder - kein Kind will, dass es Mama und Papa nicht gut geht. Zum anderen lernen Kinder am Vorbild - so auch in diesem Fall: es ist ok, mich nicht selbst zu Gunsten anderer aufzugeben, sondern mich auch mal um mich und meine individuellen Bedürfnisse zu kümmern. Zum dritten: ein Kind braucht seine Eltern nicht nur als Eltern, sondern auch als Paar. Als funktionierende Einheit - sei es als Paar oder als getrennt lebende Freunde - genauso sehr wie als Vorbild dafür, wie Beziehungen funktionieren können. 
Und wenn ich meine Beziehungen und Freundschaften permanent dem Kind unterordne, hätte ich Angst, das nichts davon bleibt, wenn die Kinder dann aus dem Haus sind...
Das heißt aber auch: wer sich also im Familienbett oder mit Tragetuch oder beim Stillen nicht wohl fühlt, sollte es nicht zu Gunsten der Kinder "durchhalten". Natürlich brauchen Kinder Nähe (die u. a. so gegeben werden kann), aber geschieht diese Nähe ungewollt, fühlen sie das auch - und sich damit sicher nicht wohl.
Auch andere Bedürfnisse sollen und müssen und dürfen Eltern wahrnehmen: nach Zweisamkeit genauso wie mal nach Einsamkeit, nach Hobbys genauso wie nach Schlaf. Früher sagte man, man braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen. Früher lebte man mit mehreren Generationen zusammen und in einer aktiven Nachbarschaft, evtl sogar noch mit Personal. Heute gibt es Klein- und Kleinstfamilien, Alleinerziehende und Patchwork. Die Idee Kinder müssten möglichst lange allein zu Hause von den eigenen Eltern (am besten Mama) betreut werden (mit den dazugehörigen Schuldgefühlen wegen der Fremdbetreuung) ist sicher schön, aber relativ neu - und anstrengend. Ich glaube nicht, dass es meinen Kindern schadet, zu erleben, wie viele Menschen sie lieben: Eltern und Großeltern, Tanten, Onkel, Freunde, Paten und Erzieher. Klar sind wir als Eltern die Hauptverantwortlichen und sollten uns bemühen, immer die Hauptbezugsperson zu bleiben. Aber ab und zu mal einen Nachmittag allein mit den Großeltern oder eine Nacht bei der Tante oder einen Vormittag allein mit Papa schadet bestimmt nicht - ermöglicht den Eltern aber auch mal ihre eigenen Bedürfnissen nachzugehen. Sei es das Mama mal ausschläft oder Papa zum Sport geht oder Mama und Papa gemeinsam ins Kino.

Zuletzt noch ein Wort zum Urvertrauen:
Den Begriff prägte der Freud-Schüler Erikson in den 1950er Jahren. Er bezeichnete damit ein Grundvertrauen, das Babys im ersten Lebensjahr entwickeln und dass es ihnen ermöglicht, Selbstvertrauen ebenso zu entwickeln wie die Grundgefühl dafür, welchen Menschen und Situationen man vertrauen kann.
Unabhäbgig davon entwickelte der Soziologe Claessen in den 1960ern den Begriff Urvertrauen. Bei ihm geht es um die Entwicklung der Fähigkeit, überhaupt Vertrauen in irgendwas zu haben, die im ersten Lebensjahr stattfindet und danach nicht mehr inbdem Maß nachzuholen sei. Alle zukünftigen Beziehungen und Charakterentwicklungen seien davon geprägt, ob dieses Urvertrauen gelernt wurde.
Bei beiden ist es die Grundlage für:
- Vertrauen in sich selbst und Selbstwertgefühl
- Liebesfähigkeit („Ich bin es wert, geliebt zu werden.“)
- Vertrauen in andere, z. B. in Partnerschaft und Gemeinschaft
- Vertrauen in das Ganze, in die Welt.
Eine mangelhafte Ausbildung des Urvertrauens kann zu Beziehungs- und Bindungsproblemen von Menschen führen. Folgestörungen können Misstrauen, Depressionen, Angstzustände, Aggressivität u. a. m. sein. Von allem, was sich aus mangelndem Selbstwertgefühl nochmal wieder als "Symptom" ableitet, ganz zu schweigen.
Mit diesem Wissen und Gedanken, haben wir bestimmten "Wünschen" unserer Kinder (z. B. nach Tragetuch oder Familienbett) auchbgerne nachgegeben.

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