Mother Wars

Es ärgert mich, wie oft es besonders in Erziehungsfragen nur schwarz-weiß gibt und auch alle Informationen, die man zu einem Thema findet, entweder oder sind. Oft fühle ich mich eher irgendwo in der Mitte wohl. Nicht weil ich mich nicht festlegen will, sondern weil das Leben nunmal bunt ist - und nicht schwarz-weiß!

Alles in allem - steh ich immer an irgendeiner Stelle, über die man streiten kann. Gleichzeitig frage ich gerne, wie andere etwas machen und wie die neuesten Forschungsergebnisse sind - um zu schaun, was man nachmachen kann oder was lieber nicht. Leider fühlen sich andere Mütter sofort angegriffen, wenn man ihnen nicht 100% zustimmt, oder greifen selber an, wenn man etwas anders macht. Trotzdem suche ich immer nach Gleichgesinnten mit ähnlichen oder anderen Erfahrungen zum Austausch, also kommentiert gerne! :)

Ich glaube, dass jedes Kind und jeder Erwachsene anders ist und man eine Kombination finden muss, die für alle passt.
Prinzipiell glaube ich, dass ein Kind Bedürfnisse hat, die man erfüllen sollte - genau wie seine Eltern. Und nur glückliche Eltern erziehen glückliche Kinder.
Ich glaube, dass alle Erziehung sowieso kaum was bringt, wenn man´s nicht vorlebt, weil Kinder eh machen, was ihre Eltern machen.
Und ich glaube, dass Grenzen und Konsequenzen einem Kind Sicherheit geben, die es braucht, auch wenn es das nicht immer schön findet.
Nach diesen Glaubenssätzen versuche ich im Jungle von Ratschlägen und Forschungsergebnissen so zu handeln, dass wir alle vier gut und vor allem glücklich damit leben können...

Donnerstag, 5. Mai 2016

Begleitendes Weinen

Es gibt mehrere Arten des Weinen lassens.
1. Das von älteren Generationen oft zitierte schreien lassen ist für mich ein Unding!! Kinder (oder noch schlimmer: Babys) in ihrem Kummer allein zu lassen ist eine Qual, die das Urvertrauen und die Psyche unnötig belastet.
2. Es gibt in der Trotzphase und im Kleinkindalter immer wieder Momente, in denen ein Kind seinen Frust durch Weinen auslebt. Auch hier gilt: sie damit alleine zu lassen ist unfair! Obwohl es natürlich besser ist, mal kurz vor die Tür zu gehen und durchzuatmen, statt selbst auszuflippen!! Sie weinen nicht, um uns zu ärgern, sondern weil sie eine Emotion ausdrücken, oft sogar mit ihr überfordert sind. Man darf sie hier ruhig mal weinen lassen - aber eben nicht allein. Man muss sie auch nicht zwangsläufig ablenken oder trösten (manchmal ist das völlig in Ordnung), manchmal sollte man ihnen lieber helfen, diese Emotion sinnvoll und erlösend zu durchleben.
3. Das begleitende Weinen im Babyalter.

Besonders ab dem 6. Lebensmonat (wenn sich die Wahrnehmung des Babys nochmal verstärkt) besonders abends (wenn man einen aufregenden Tag verarbeiten muss - und aufregend kann für ein Baby schon sein, dass der Nachbar den Rasenmäher angestellt hat) kommen die sogenannten "Großmutter-Stunden" (so genannt, weil Omas, und in unserem Fall noch mehr der Opa, dafür eher die Ruhe haben, als frisch gebackene Mütter).
Das Kind hat eine saubere Windel, ist satt und auf Mamas Arm (oder im Tragetuch) - es hat also allen Grund, dass es ihm gut geht. Und trotzdem weint es. Fallen körperliche Ursachen weg (also Schmerzen aufgrund von Zahnen, Blähungen oder Erkrankungen - in unserem Bekanntenkreis schrie ein Kind monatelang vor Schmerzen wegen einer nicht diagnostizierten Laktose-Intoleranz) und beruhigt es sicj auch nicht, wenn es einen Moment allein in der Wiege liegt (selten aber manchmal doch gibt es Kinder, die manchmal eher Luft und Ruhe als Nähe brauchen) kann man davon ausgehen, dass das Kind irgendwas verarbeitet. Das kann vom Schock geboren worden zu sein bis zur Erkenntnis, dass man nicht (mehr) eins mit Mama ist, alles sein. Das kann auch ein Entwicklungsschub sein, dann wollen Kinder im Normalfall nur eins: auf den Arm und an die Brust. Und das ist ok! Es verwöhnt sie nicht, es stärkt sie. (Die Entwicklungsphasen kann man im Buch oder in der App "Oje ich wachse" gut nachlesen.) Wenn diese Phase aber nicht endet, sind wir Eltern irgendwann am Ende mit unserem Latein - und unseren Nerven.
Unser Baby zu trösten ist unser tiefster Urinstinkt. Und es ist ein guter und wichtiger Instinkt, denn er zeigt uns, was das Wichtigste für unser Baby ist: nicht alleine zu sein mit seinem Kummer! Zu spüren: ich bin wichtig und geliebt und Teil einer Familie, das Leben ist schön!

Aber ein Kind hat auch ein Recht auf seine Tränen. Es ist die einzige Art der Kommunikation, die ihm zur Verfügung steht! Jede Intervention (Schnuller rein, mal Arm, mal Wiege, wickeln, Rassel,...) stört nicht nur diese Kommunikation, sondern ist evtl. sogar noch ein neuer Reiz, der verarbeitet werden muss. Ein Baby kann nicht anders ausdrücken, was ihm auf der Seele liegt. Sei es "Ich hab dich lieb, ich will so gern bei dir sein." oder "Ich bin müde, aber zu aufgeregt zum Schlafen."

Ähnlich wie Jesper Juul beim Kleinkind, plädiert Brigitte Hannig (Hebamme, Früherziehungsberaterin und Festhaltetherapeutin) dafür, Kinder ihren Kummer ausleben (und damit verarbeiten und abhaken) zu lassen - aber eben nicht alleine. (vgl. Broschüre des Bundes deutscher Hebammen "Tränenreiche Babyzeit")
Sie unterscheidet zwischen Beruhigung (was oft eher Ablenkung ist) und Trost (im Sinne des begleitenden und haltenden Weinens).

Im begleitenden Weinen gibt es meistens ca. fünf Phasen:
1. Das Baby weint - und statt es abzulenken, sind wir einfach da, halten es im Arm und sprechen beruhigend mit ihm (wichtiger als die Worte sind dabei der Tonfall - ich hab meistens nur langsam und ruhig "ich bin ja da, es ist ok, du bist nicht allein" gemurmelt).
2. Das Baby schreit seine Verzweiflung heraus und wehrt sich vehement gegen das Gehalten werden - dabei ist es so wichtig, es zu halten (dazu mehr weiter unten) und ihm Sicherheit zu geben. Es kämpft nicht gegen die Sicherheit gebenden Eltern an, sondern gegen das, was es so belastet, also gegen den Grund, warum es weint. Wichtig ist dabei, dass es merkt: auch jetzt sind Mama oder Papa für mich da und halten mich.
3. Spätestens jetzt weinen die meisten Eltern mit. Und das ist in Ordnung und authentisch! Weinen Sie zusammen um den Kummer ihres Babys - aber bleiben Sie da und spüren Sie die Verbundenheit!
4. Das Schreien reduziert sich zu einem Wimmern und Aufschluchzen. Zwischenzeitlich schläft das Kind oft kurz ein.
5. Nach dem letzten Aufschluchzen erfolgt ein entspanntes Schlafen.

Bei uns haben diese fünf Phasen ca eine Stunde gedauert.
Wir haben das begleitende Weinen lassen praktiziert, als wir sicher waren, dass keine körperlichen Ursachen (Besuch beim Kinderarzt UND beim Osteopathen, sowie kein Zahnen) oder Entwicklungsschübe (App "Oje ich wachse") der Grund für die Unruhe war. Trotzdem war die Sorge da: schläft sie jetzt, weil es ok ist und sie ihren Kummer los ist - oder weil sie einfach zu erschöpft ist, weiter zu machen. Ich hielt sie danach beim ersten Mal die ganze Nacht im Arm, um bei ihr zu sein, wenn sie aufwachte und ihr das Gefühl zu geben, dass wir das zusammen durchstehen - und damit sie nicht das Gefühl hat, ich will sie nur weglegen. Stillen hat bei uns immer getröstet, aber nach 8 Wochen mit nur Baby-an-der-Brust-Nächten und mind. eine Woche ohne Zahnen, Erkältung und Schub, haben wir es nach Besuchen beim Kinderarzt und Osteopathen zum ersten Mal getestet. Da haben wir dann mal nicht die Brust gegeben, sondern es gemeinsam durchlebt - und danach schien es besser... bis zum nächsten Zahn. 😅
Eine Babysprechstunde (beraten bei Schlaf-, Schrei- und Essensproblemen) kann auch oft helfen, wenn man vorher wirklich alles abgecheckt haben will.

Beim begleitenden Weinen achtet man auf eine bestimmte Art des Haltens:
- das Baby wird möglichst fest aber zärtlich gehalten: der Kopf so, dass das Baby ihn nicht selbst halten muss, sondern sich entspannen kann - Arme, Beine und Körper so, dass es sich auch bei heftigerem Gestrampel nicht löst oder fällt, sondern sich eng gehalten fühlt, wie beim Pucken!
- Den Kopf des Babys möglichst ähnlich wie beim Stillen bzw. möglichst nah am Herzen.
- Den Körper seitlich wie beim Stillen oder längst vom Herz bis zum Bauch.
- Wenn man das Gefühl hat, zu wenig Hände zu haben, besonders wenn das Kind sich wehrt und strampelt, kann ein Stillkissen als Stütze helfen!
Oft half ihr diese Art des Gehalten Werdens auch nach aufregenden Tagen beim Einschlafen - ganz ohne Weinen. Sie meckerte und zappelte einen Moment und kam dann zur Ruhe.

Es gibt inzwischen einiges an Werken zum "begleitenden Weinen". Leider muss ich sagen - wie so oft sind diese Werke sehr dogmatisch. Jedes Kind müsse mal weinen, Trösten im beruhigenden Sinne sei dabei immer falsch, sogar "Troststillen fördere Essstörungen" habe ich gelesen. Das halte ich ehrlich gesagt für Blödsinn.
Stillen erfüllt neben Nahrung so viele Bedürfnisse, z. B. nach Nähe, Mamas Herzschlag und Geruch, Geborgenheit. Dadurch wirkt es natürlich auch Angst reduzierend. Nuckeln entspannt, Schnuller heißen ja nicht umsonst Beruhigungssauger. (Das Annehmen eines Schnullers ist für manche Kinder aber etwas Übungssache.) Stillen senkt sogar das Schmerzempfinden. Zu stillen, um auch andere Bedürfnisse als Nahrung zu erfüllen, kann damit meines Erachtens nicht falsch sein. Trotzdem wurde das Schlafen bei uns nach dem begleitenden Weinen erst wirklich besser, als ich das Gefühl bekam, das nächtliche Nuckeln ist jetzt kein Bedürfnis mehr, sie wirkte nicht mehr so verzweifelt dabei, sondern total entspannt. Es war halt zur Gewohnheit geworden. Das zu trennen war eine Sache von ein paar Abenden leichtem Gemecker. Dazu hab ich sie wie oben geschrieben gehalten und ihr den Schnuller (an den ich sie schon vorher gewöhnt hatte und den sie zumindest ab und zu mal zum Nuckeln nahm und kannte) anbot.
Außerdem denke ich, es gibt Menschen, die sind eher für Ruhe und etwas Ablenkung zu haben. Mein Mann und mein Sohn brauchen nach stressigen Tagen Sofa, Hörspiele, kuscheln... - wenn es mir nicht gut geht, dann schimpfe oder erzähle oder weine ich. Nimmt man mich dann nicht ernst, verletzt mich das sehr. Würgt man mich dabei ab, schleppe ich es ewig mit mir rum, bis es schließlich doch herausbricht und es mir danach endlich besser geht. Deswegen sprach mich das begleitende Weinen vermutlich an - denn es besteht ja keine geringe Chance, dass meine Tochter evtl. genauso tickt...

Zum Schluss möchte ich berichten, wie sie sich in den zwei Wochen nach dem begleitenden Weinen entwickelte:
- Papa wurde plötzlich als Bezugsperson ganz anders akzeptiert, angestrahlt und konnte sie beim Weinen beruhigen und sogar ins Bett bringen.
- Nahrung wurde ganz anders akzeptiert, so dass ich innerhalb von zwei Wochen nicht mehr voll stillte.
- Motorisch machte sie einen riesen Satz: robben, klatschen, hinsetzen, Kniestand, hochziehen, mit Hilfe stehen, krabbeln - alles in den zwei (!) Wochen danach...
Alles in allem wirkte sie glücklicher und zufriedener.

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