Mother Wars

Es ärgert mich, wie oft es besonders in Erziehungsfragen nur schwarz-weiß gibt und auch alle Informationen, die man zu einem Thema findet, entweder oder sind. Oft fühle ich mich eher irgendwo in der Mitte wohl. Nicht weil ich mich nicht festlegen will, sondern weil das Leben nunmal bunt ist - und nicht schwarz-weiß!

Alles in allem - steh ich immer an irgendeiner Stelle, über die man streiten kann. Gleichzeitig frage ich gerne, wie andere etwas machen und wie die neuesten Forschungsergebnisse sind - um zu schaun, was man nachmachen kann oder was lieber nicht. Leider fühlen sich andere Mütter sofort angegriffen, wenn man ihnen nicht 100% zustimmt, oder greifen selber an, wenn man etwas anders macht. Trotzdem suche ich immer nach Gleichgesinnten mit ähnlichen oder anderen Erfahrungen zum Austausch, also kommentiert gerne! :)

Ich glaube, dass jedes Kind und jeder Erwachsene anders ist und man eine Kombination finden muss, die für alle passt.
Prinzipiell glaube ich, dass ein Kind Bedürfnisse hat, die man erfüllen sollte - genau wie seine Eltern. Und nur glückliche Eltern erziehen glückliche Kinder.
Ich glaube, dass alle Erziehung sowieso kaum was bringt, wenn man´s nicht vorlebt, weil Kinder eh machen, was ihre Eltern machen.
Und ich glaube, dass Grenzen und Konsequenzen einem Kind Sicherheit geben, die es braucht, auch wenn es das nicht immer schön findet.
Nach diesen Glaubenssätzen versuche ich im Jungle von Ratschlägen und Forschungsergebnissen so zu handeln, dass wir alle vier gut und vor allem glücklich damit leben können...

Montag, 19. September 2016

Wie man zu einer entspannteren Mutter wird...

Es hat 3.5 Jahre gedauert, aber kürzlich entdeckte ich mein Rezept für eine entspannte Mutterschaft!!

Entspannt bzgl. Unfällen, Blessuren und ähnlichem waren wir schon immer. Unser "Sicherheitstipp" war: ein Kind, dass schon mal von einer Stufe gefallen ist, verletzt sich weniger, wenn es dann mal vom Klettergerüst fällt.

Aber besonders die Kombination Arbeit - Haushalt - Kinder hat mich oft und lange mit Erschöpfung und Frust kämpfen lassen. Duschen und Toilette mit Kindern, immer das Gefühl, die Wäsche/Post/Rechnungen liegen da schon wieder ewig und wollen bearbeitet werden, immer nur gerade so das Nötigste auf die Reihe bekommen...

1. Seit kurzem stehe ich um 4.30h auf. Ich versuche meinen Körper auf 7 Std Schlaf zu trainieren und das klappt überraschend gut. Ich habe mir einen Biorhythmus-Wecker angeschafft, der mich zwischen 4h und 5h weckt, wenn ich gerade in einer Leichtschlafphase bin. Dann wache ich überraschend fit auf und mache erstmal 15 Min Yoga mit youtube Videos. (Mein Favorit: die 5 Tibeter!)
Dann packe ich die abends vorbereiteten Brotdosen in Schul- und Kindergartentaschen, schmiere und schnibbel das Frühstück für zu Haus und zieh mich an.
Dann habe ich ein oder zwei Sachen (Wäsche falten, endlich mal die Fotos einsortieren, Spülmaschine ausräumen, Brot backen, Unterricht vorbereiten), die erledigt werden müssen - aber nichts davon muss unbedingt heute geschafft werden (falls die Kinder also doch mal vor 6h aufwachen, dann ist das halt so, wird es morgen erledigt.)
Wenn dann noch Zeit ist, ess ich schonmal eine Schnitte Brot, trink meinen Tee, blätter etwas durch die Zeitung... sowas.
Gegen 6h wacht meist das erste Kind auf, um spätestens 6.45h wecke ich das letzte, falls mal eins länger schläft. Die müssen dann nur noch die abends gemeinsam ausgesuchten Klamotten anziehn, das vorbereitete Frühstück futtern und waschen/Zähne putzen.
Wir alle sind entspannt, denn um 7.30h sind wir bequem aus dem Haus. Sollte es doch mal stressiger werden, tut es auch mal ein Glas Milch als Frühstück. Aber normalerweise sind meine Kinder so entspannt oder gestresst wie ich es bin. :)
Und damit läuft zumindest bei mir der ganze Tag runder: nachmittags hab ich Ruhe zum Spielen, mache höchstens noch eine Sache "nebenbei" (Brot backen, Wäsche anstellen, einkaufen,... + natürlich kochen) und kann abends entspannt aufs Sofa fallen mit dem guten Gewissen, was geschafft und für mich selbst auch was getan zu haben. Die Kinder gehn normalerweise um 19.30h ins Bett, bleiben noch 1-1.5 Std. für mich uns meinen Mann (oder für mich und die Couch).

Mich hat diese Entdeckung sehr glücklich gemacht. Und ich hätte nie gedacht, dass ausgerechnet ich (die vor 10h eigentlich nie freiwillig die Augen aufmacht und mit weniger als 9 Std Schlaf einer Mischung aus Zombie und Furie gleicht) mit 4.30h Aufstehzeit so glücklich wird. Aber jeder mit Kleinkindern kann das vielleicht verstehen: 1-2 Std Ruhe nur für mich und meine Aufgaben... kann man mit Gold nicht aufwiegen. Und ich bin morgens einfach fitter als abends, egal wann ich aufgestanden bin. ;)

Es funktioniert aber nur durch gewisse Randbedingungen:
- Samstag ist Papa Tag: mein Mann steht auf, macht die Kinder fertig, fährt mit ihnen zurnen und legt sie zum Mittagsschlaf hin. Ich schlafe aus und hb bis ca 13/14h Zeit zum Arbeiten, für mich oder anderes.
- Ich habe meine Handynutzung drastisch reduziert. Zwischen 20h und 5h sowie 5.30h und 8.30h ist das Ding konsequent aus, dazwischen lautlos. Studien haben ergeben,  dass selbst der Vibrationsalarm einen nur mind 15 Min aus der Konzentration reißt.

2. Ich spiele mit den Kindern, worauf ICH Lust habe. Klingt egoistisch, aber in Wirklichkeit haben meine Kinder viel mehr Spaß, wenn ich ihn auch hab und ich nicht nach 10 Min keine Lust mehr hab. Ich kaufe nur noch Brettspiele, die ich mag (Tier auf Tier von Haba zB), hab mir selbst einen Roller besorgt (für Wettfahrten oder Ticken auf Rad/Roller) und kaufe eher Puzzle und Bilderbücher als noch mehr Sikuautos (von denen wir eh schon knapp 100 haben -.-' ). Ich übergebe praktisch meinem "inneren Kind" die Regie und genieße. :)

Fieber

Immer wieder lese oder höre ich von Eltern, die mit "ungeklärtem Fieber" oder 38°C Fieber in die Notaufnahme am Wochenende fahren und frustriert wiederkommen: durch ewige Wartezeiten und kein Rezept fühlen sie sich nicht ernst genommen.
Dazu möchte ich folgende Dinge zu bedenken geben.
1. Kinder fiebern jedes Mal, wenn ihr Immunsystem arbeitet, oft auch ohne dass eine Krankheit ausbricht. Das ist nichts Tragisches und bis zu 41°C (laut unserem Kinderarzt und unserer Heilpraktikerin) für Kinder prinzipiell ungefährlich (solange aus ausreichend Flüssigkeit geachtet wird). Erst ab drei Tagen Fieber ohne geklärte Ursache sollte man sich Gedanken machen.
2. 38°C sind erhöhte Temperatur, kein Fieber! Sinn von Fieber ist es, Viren und Bakterien im Körper zu töten. Dies funktioniert erst ab 39.5°C!! Ab dieser Temperatur brennt Fieber einen Virus aus und heult damit das Kind - ganz ohne Chemie! Gleichzeitig lernt das Immunsystem und bildet Antikörper - und ist damit beim nächsten Infekt besser geschützt. Senkt man das Fieber passiert folgendes: a) Viren und Bakterien vermehren sich und überfluten den Körper. --> Die Krankheit wird schlimmer und/oder dauert länger. b) Das Kind fühlt sich fit statt müde/krank und wird aktiv. --> Das verlängert um besten Fall die Krankheit, weil der Körper sich nicht regenerieren kann. Im schlimmsten Fall geht es soweit, dass die Viren und Bakterien das Herz angreifen.

Bis hierher folgt daraus: Kinder ruhig mal fiebern lassen!! Und wenn es eurem Kind wirklich dreckig geht, es Schmerzen hat oder sonstwas: gebt ruhig einfach selber mal ein Fieber-/Schmerzzäpfchen, denn:

3. Erst am dritten Fiebertag treten meist weitere Sympthome auf, die ein Arzt für eine Diagnose braucht. Vorher kann er nur gucken, ob das Kind dehydriert ist (hat das Kind etwas getrunken, ist die Windel nass und die Schläfen sind nicht unnormal eingefallen - dann ist es vermutlich nicht dehydriert).

Und zu guter letzt ein mir wichtiges
4. Fahrt zum Arzt, wenn ihr unsicher seid oder euch etwas seltsam vorkommt! Aber bitte, denkt kurz drüber nach, ob es wirklich die Notaufnahme sein muss oder ob es nicht bis Montag Zeit hat - das Pflegepersonal ist oft so überlastet von nur-etwas-krank-Kindern, dass die Zeit für echte Notfälle fehlt! Und: wenn ihr warten müsst, freut euch - denn dann seid ihr kein Notfall. Dann geht es eurem Kind besser als dem Kind mit Atemnot, das sofort Sauerstoff braucht, oder dem mit einem anaphylakitschem Schock oder dem, das nebenan um sein Leben kämpft. Umso mehr Menschen dort sind, umso öfter muss das Pflegepersonal Prioritäten setzen - und auch wenn irren auch bei medizinischem Personal leider menschlich ist und sie sicher oft freundlicher sein könnten, selbst wenn sie zu Recht genervt sind, und ihr ruhig mal auf euch aufmerksam machen solltet, wenn ihr denkt, euer Kind steht kurz vorm Kollaps oder so: diese Menschen sind darauf geschult, Notfälle als solche zu erkennen und entsprechend zu handeln. Wenn ihr warten müsst: freut euch, ihr seid kein Notfall!

Samstag, 11. Juni 2016

Erziehungsvergleich

Wenn wir mal ehrlich sind, wir vergleichen uns und unsere Kinder doch permanent - und werden permanent verglichen. Nur leider neigen wir dazu, uns mit den falschen Leuten zu vergleichen - mit dem Kind, das schon durchschläft, oder dem, das den ganzen Brei ohne Sauerei auf isst, oder dem, das immer auf Mama hört, oder dem, das nie weint.
Oder wir bekommen zu hören "Wie, er schläft noch nicht durch?", "Du stillst immer noch?", "Willst du ihm das nicht mal abgewöhnen?".
In der Mutter-Kind-Kur habe ich das erste Mal gelernt, dass man sich a) mit den richtigen Leuten vergleichen muss (nämlich mit dem Kind, das nachts noch öfter wach wird als das eigene, noch schlechter hört, viel öfter krank ist, etc. ;) ) und b) es oft egal wie rum, seine Nachteile hat (das durchschlafende Kind steht dafür um 5h auf oder macht keinen Mittagsschlaf; das brave Kind, was nie haut, lässt sich dafür von allen das Spielzeug klauen, was Mama große Sorgen macht; usw.).
Darum haben wir es getan. Wir haben an einem öffentlichen Erziehungsvergleich teilgenommen.
Warum macht man das?
Das ist eine gute Frage. Kurz gesagt: wir waren neugierig. :) Wir wollten Mal einer anderen Familie über die Schulter schauen und selbst ein Feedback bekommen - Fremde haben ja doch immer noch eine eigene Sicht auf die Dinge. :) Außerdem bekommt man bei einem solchen Vergleich die Chance, sich wenigstens mal in Ruhe dazu zu äußern!
Aber gleich in die Öffentlichkeit damit?
Ja, darüber haben wir lange nachgedacht - normalerweise posten wir ja nicht mal irgendwo Bilder unserer Kinder, um ihre Privatsphäre zu schützen. Da diese Bilder aber nicht im Nachhinein wahllos im Internet verfügbar sein werden und wir wirklich einfach gespannt waren, haben wir uns dafür entschieden.
Was hatten wir uns erhofft?
Einen interessanten Austausch mit jemanden, der eine andere Sicht auf die (Erziehungs-) Dinge hat. Denn seien wir mal ehrlich, obwohl es alle tun, lässt sich über Erziehung eigentlich nur wenig streiten. Klar gibt es absolute Do's (z. B. seine Kinder lieben, ihnen Essen, Kleidung und Bildung ermöglichen etc) und absolute Don'ts (z. B. Gewalt und Vernachlässigung). Aber dazwischen gibt es viele Grauzonen. Solange Eltern und Kinder damit glücklich sind, gibt es bestimmt immer Dinge, die optimaler laufen können - aber wer kann sich schon so in andere hinein versetzen, um das beurteilen zu können. Wer nicht gerne draußen ist, kann anders für Bewegung oder für andere Reize sorgen. Wer nicht gerne vorliest, kann dafür viele Spiele spielen. ... Genauso wie beim Tragen, Stillen, Impfen etc muss es halt irgendwie zu den einzelnen Menschen passen.
Mein Fazit:
Eins meiner größten Kritikpunkte an unserem Alltag ist, dass ich wohl täglich eine Stunde aufräumen kann - und man sieht nichts davon. -.-' Entsprechend kippte meine sehr ordentlich Gastmutti auch fast aus den Socken, als sie unser Haus betrat. War ich am Anfang aber noch zutiefst beeindruckt von ihrem ordentlichen Haushalt, wurden mir im Laufe des Besuchs zwei Dinge klar:
1. Sie hat einfach dermaßen weniger Kram als wir, dass sich das Aufräumen selbst erheblich einfacher gestaltet.
2. Sie putzt und wienert 3-4 Std täglich, erzählte sie. Wenn ich die Zeit ausrechne, die ich investiere, die unsere Haushaltshilfe investiert und die mein Mann investiert und das durch 6 Tage (ohne Sonntag) teile, komme ich auf 2-3 Std täglich. Also 1-2 Std TÄGLICH die ich von der Zeit für meinen Mann und meine Kinder abziehen müsste. O.o
Abgeguckt hab ich mir die Regel: was in diesen Schrank passt, darf bleiben. Was nicht in den Schrank passt, kommt weg. Macht Ordnung halten und Ausmisten tatsächlich viel einfacher! :)
Die Gastmutter erwiderte auf meine Kritik (dass sie inkonsequent sei und ihre Tochter manchmal mehr/andere Aufmerksamkeit bräuchte), sie mache alles richtig, weil ihre Tochter so ein toller Mensch sei. Die Kleine ist zwar süß und garantiert kein schlechter Mensch, wenn ich aber im Vergleich meinen Sohn sehe, finde ich ihn selbstbewusster, hilfsbereiter und voller liebevollen Respekt mir gegenüber. Das würde mir an ihrer Stelle fehlen, aber auch sie scheinen glücklich zu sein, so wie es ist.
So gehen wir zumindest mit dem Gefühl aus diesem Vergleich , dass wir die richtige Schiene fahren... zumindest für uns! Und wir haben nette neue Menschen kennen gelernt. :)

Das einzige, was mich im Nachhinein etwas ärgert: ich hab mich zu etwas mehr Kritik anstacheln lassen, als es sonst meine Art ist. Und ich war am Ende so kaputt, dass ich deutlich weniger diplomatisch war, als meistens. Aber gut - wer mich kennt, weiß wie wir sind. Wer lästern will, tut es eh.

Donnerstag, 5. Mai 2016

Aggressionen beim Kleinkind

Um es kurz zu machen: sie sind normal.
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul versucht seit Jahren, den negativen Ruf der kleinkindlichen Aggression zu verbessern, denn sie sind verhaltenspsychologisch ein wichtiger Schritt zum Erwachsen werden - und nur, wenn wir Eltern sie nicht verdammen, können unsere Kinder daran wachsen.
Kinder müssen lernen, dass jedes Gefühl in Ordnung ist - nur nicht jede Handlung. Dazu muss ich die "negativen" Emotionen wie Wut, Trauer und Frust aber zulassen und nicht verbannen oder unterdrücken. Das ist für eine gesunde psychische Entwicklung ganz elementar.
Aggressionen dürfen demnach nicht als "böse" abgestempelt werden, sondern Eltern und Erzieher müssen den Kindern helfen, einen angemessenen Umgang damit zu erlernen. Laut Juul sei dies auch der Weg zu einer Welt ohne Kriege: mit Aggressionen umgehen lernen.
Die ewige "Kuschel-Pädagogik" mit ihren sanften Erklärungen verschlimmere die Aggressionen laut Juul nur - man müsse sich viel mehr darauf einlassen und versuchen, die Ursache dahinter zu verstehen. Denn offensichtlich fühlt das Kind sich nicht wohl.
Am besten sei es, dem Kind klar zu machen, dass bestimmte Verhaltensweisen inakzeptabel sind (wie z. B. Schlagen), nach der Ursache der Emotion zu forschen (Warum bist du wütend?) und ihm Handlungsalternativen anzubieten (Wenn du etwas nicht willst, darfst du laut "nein" rufen.). Dadurch fühlen Kinder sich wertgeschätzt und wahrgenommen - und würden im Laufe der Jahre lernen, Trauer, Wut und Frust einen besseren Ausdruck zu geben.
Unserer Erfahrung nach treten am häufigsten vier Ausdrucksformen kindlicher Aggression auf:
Wutanfall, Trotzanfall, emotionaler Ausbruch und Schlagen bzw. Beißen. Oft begründet sich dies in ähnlichen Ursachen beim Kleinkind.
Wutanfall
Kinder lernen mit ca 2 Jahren, dass sie von Mama verschieden sind und nicht immer auf Mama und Papa hören müssen. Umso selbstbewusster Kinder sind und umso sicherer sie sich bei einer Bezugsperson fühlen, umso größer ist die Chance eines Wutanfalls. Sie merken, sie können schon viel und sind frustriert, wenn sie an ihre Grenzen kommen. Seien es Grenzen durch Mama und Papa oder durch ihre Fähigkeiten. Sie wollen damit nicht manipulieren und etwas erreichen. Sie sind nur sauer und frustriert und geben dieser Emotion leidenschaftlich nach. Nachzugeben und die Frustrationsquelle auszuschalten, hilft dem Kind nicht, mit der Emotion umgehen zu lernen. Nachzufragen und zuzuhören hilft dem Kind, sich wahrgenommen zu fühlen und die genaue Ursache zu erkunden - dann kann man evtl Handlungsalternativen, aber zumindest Verständnis anbieten. (Ich kann verstehen, dass dir dein Kuscheltier fehlt. Tut mir leid, dass ich es vergessen habe.)
Trotzanfall
Hierbei wird eher das Verhalten der Eltern ausgetestet. Man merkt den Unterschied zum Wutanfall vor allem daran, dass das Kind nicht völlig ausflippt und Mama bzw Papa sehr gebau beobachtet - und häufig aufhört, wenn keiner hinguckt/es bemerkt. Konsequenz verhindert sicher nicht, dass Eltern mal getestet werden, aber meiner Beobachtung nach, werden konsequente Eltern vielleicht 2-3x im halben Jahr getestet, inkonsequente Eltern auch 2-3x am Tag. Kinder inkonsequenter Eltern fühlen sich oft einfach verunsichert und manchmal auch ängstlich, weil sie sich keinen Reim darauf machen können, wie die Welt funktioniert. Also müssen sie immer und immer wieder austesten, wie Mama und Papa reagieren, in der Hoffnung ein Muster zu erkennen. Konsequenz ist ein solches Muster und bietet den Kindern Sicherheit - und sie merken, dass sich Trotzanfälle nicht lohnen, weil sie nicht belohnt werden (werden sie mit Süßigkeiten bzw Wunscherfüllung ruhig gestellt bzw beruhigt, verstehen sie das als Belohnung für ihr Verhalten und werden es wieder zeigen).

emotionale Ausbrüche
Es gibt Kinder und auch Erwachsene, die müssen einfach mal Dampf ablassen, sonst ist ihre psychische und physische Gesundheit arg gefährdet. Viele Menschen leiden heutzutage unter Kiefer- und Nackenprobleme, weil sie ihm wahrsten Sinne des Wortes die Zähne zusammen beißen. Dieser nicht abgelassene Druck kann viele Folgeerkrankungen bedingen, vom Bandscheibenvorfall bis zur Migräne, von Schlafstörungen bis zu abgesplitterten Zähnen. Hier ist Verständnis wichtig und auch einen für alle erträglichen und akezeptablen Ausdruck zu finden - aber es ist ebenso wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass das völlig in Ordnung ist und es sich deswegen nicht schlecht fühlen muss! Akzeptabel kann z. B. sein, allein oder im elterlichen Arm zu weinen (je nach Vorliebe) oder auf ein Kissen oder einen Boxsack einzuprügeln oder in sein Zimmer zu gehen und einmal laut die Wand anzubrüllen oder... finden Sie etwas, was zu Ihnen allen passt!
 
Schlagen und beißen
Dies ist ein Verhalten, dass bei Kleinkindern besonders vor dem Spracherwerb zu beobachten ist. Genau wie Tiere stecken sie so ihre Grenzen ab: ich will nicht, dass du das tust. Zurück zu beißen oder zu schlagen zeigt dem Kind nur "Mama/Papa darf das, also ist das wohl ok." Es zeigt nicht, wie so oft behauptet wird, "Das tut weh, das tut man nicht." Das kindliche Gehirn funktioniert etwas anders: sie lernen durch Nachahmung, was Mama und Papa tun, ist gut und richtig - so macht man das. Ggf. lernen sie durch Zurückbeißen bzw. -schlagen noch "Wenn ich das tue, tun Mama und Papa mir weh." Dann lassen sie es evtl solange die Eltern dabei sind, sind sie nicht dabei, ist es für die Kinder wieder ok, denn Mama und Papa handeln ja auch so. An sich gilt: geben Eltern ihrem Frust durch Gebrüll, Schläge und Wutanfälle Luft, werden Kinder das als akzeptable Art, mit Wut und Frust umzugehen, übernehmen.
Unser Weg damit umzugehen dauerte lange (nach ca 4-6 Monaten merkte man eine Besserung, aufgehört hat es tatsächlich erst, als er sprachlich fit genug war, sich zu wehren). Wir haben die Erzieher mit ins Boot geholt und bei jeder einzelnen Situation unser Kind zur Seite genommen, ihn gefragt, was das Problem war und ihm eine Alternative angeboten (Du musst die Schippe nicht teilen, wenn du nicht willst, du darfst/kannst "nein" sagen. Du musst dich nicht schupsen lassen, du kannst weggehen. Usw.). Aber wir haben niemals mit ihm geschimpft oder ihm gesagt, er dürfe sich nicht wehren!! Langsam aber sicher lernte er bessere Ausdrucksmöglichkeiten als sofort zu beißen.

Begleitendes Weinen

Es gibt mehrere Arten des Weinen lassens.
1. Das von älteren Generationen oft zitierte schreien lassen ist für mich ein Unding!! Kinder (oder noch schlimmer: Babys) in ihrem Kummer allein zu lassen ist eine Qual, die das Urvertrauen und die Psyche unnötig belastet.
2. Es gibt in der Trotzphase und im Kleinkindalter immer wieder Momente, in denen ein Kind seinen Frust durch Weinen auslebt. Auch hier gilt: sie damit alleine zu lassen ist unfair! Obwohl es natürlich besser ist, mal kurz vor die Tür zu gehen und durchzuatmen, statt selbst auszuflippen!! Sie weinen nicht, um uns zu ärgern, sondern weil sie eine Emotion ausdrücken, oft sogar mit ihr überfordert sind. Man darf sie hier ruhig mal weinen lassen - aber eben nicht allein. Man muss sie auch nicht zwangsläufig ablenken oder trösten (manchmal ist das völlig in Ordnung), manchmal sollte man ihnen lieber helfen, diese Emotion sinnvoll und erlösend zu durchleben.
3. Das begleitende Weinen im Babyalter.

Besonders ab dem 6. Lebensmonat (wenn sich die Wahrnehmung des Babys nochmal verstärkt) besonders abends (wenn man einen aufregenden Tag verarbeiten muss - und aufregend kann für ein Baby schon sein, dass der Nachbar den Rasenmäher angestellt hat) kommen die sogenannten "Großmutter-Stunden" (so genannt, weil Omas, und in unserem Fall noch mehr der Opa, dafür eher die Ruhe haben, als frisch gebackene Mütter).
Das Kind hat eine saubere Windel, ist satt und auf Mamas Arm (oder im Tragetuch) - es hat also allen Grund, dass es ihm gut geht. Und trotzdem weint es. Fallen körperliche Ursachen weg (also Schmerzen aufgrund von Zahnen, Blähungen oder Erkrankungen - in unserem Bekanntenkreis schrie ein Kind monatelang vor Schmerzen wegen einer nicht diagnostizierten Laktose-Intoleranz) und beruhigt es sicj auch nicht, wenn es einen Moment allein in der Wiege liegt (selten aber manchmal doch gibt es Kinder, die manchmal eher Luft und Ruhe als Nähe brauchen) kann man davon ausgehen, dass das Kind irgendwas verarbeitet. Das kann vom Schock geboren worden zu sein bis zur Erkenntnis, dass man nicht (mehr) eins mit Mama ist, alles sein. Das kann auch ein Entwicklungsschub sein, dann wollen Kinder im Normalfall nur eins: auf den Arm und an die Brust. Und das ist ok! Es verwöhnt sie nicht, es stärkt sie. (Die Entwicklungsphasen kann man im Buch oder in der App "Oje ich wachse" gut nachlesen.) Wenn diese Phase aber nicht endet, sind wir Eltern irgendwann am Ende mit unserem Latein - und unseren Nerven.
Unser Baby zu trösten ist unser tiefster Urinstinkt. Und es ist ein guter und wichtiger Instinkt, denn er zeigt uns, was das Wichtigste für unser Baby ist: nicht alleine zu sein mit seinem Kummer! Zu spüren: ich bin wichtig und geliebt und Teil einer Familie, das Leben ist schön!

Aber ein Kind hat auch ein Recht auf seine Tränen. Es ist die einzige Art der Kommunikation, die ihm zur Verfügung steht! Jede Intervention (Schnuller rein, mal Arm, mal Wiege, wickeln, Rassel,...) stört nicht nur diese Kommunikation, sondern ist evtl. sogar noch ein neuer Reiz, der verarbeitet werden muss. Ein Baby kann nicht anders ausdrücken, was ihm auf der Seele liegt. Sei es "Ich hab dich lieb, ich will so gern bei dir sein." oder "Ich bin müde, aber zu aufgeregt zum Schlafen."

Ähnlich wie Jesper Juul beim Kleinkind, plädiert Brigitte Hannig (Hebamme, Früherziehungsberaterin und Festhaltetherapeutin) dafür, Kinder ihren Kummer ausleben (und damit verarbeiten und abhaken) zu lassen - aber eben nicht alleine. (vgl. Broschüre des Bundes deutscher Hebammen "Tränenreiche Babyzeit")
Sie unterscheidet zwischen Beruhigung (was oft eher Ablenkung ist) und Trost (im Sinne des begleitenden und haltenden Weinens).

Im begleitenden Weinen gibt es meistens ca. fünf Phasen:
1. Das Baby weint - und statt es abzulenken, sind wir einfach da, halten es im Arm und sprechen beruhigend mit ihm (wichtiger als die Worte sind dabei der Tonfall - ich hab meistens nur langsam und ruhig "ich bin ja da, es ist ok, du bist nicht allein" gemurmelt).
2. Das Baby schreit seine Verzweiflung heraus und wehrt sich vehement gegen das Gehalten werden - dabei ist es so wichtig, es zu halten (dazu mehr weiter unten) und ihm Sicherheit zu geben. Es kämpft nicht gegen die Sicherheit gebenden Eltern an, sondern gegen das, was es so belastet, also gegen den Grund, warum es weint. Wichtig ist dabei, dass es merkt: auch jetzt sind Mama oder Papa für mich da und halten mich.
3. Spätestens jetzt weinen die meisten Eltern mit. Und das ist in Ordnung und authentisch! Weinen Sie zusammen um den Kummer ihres Babys - aber bleiben Sie da und spüren Sie die Verbundenheit!
4. Das Schreien reduziert sich zu einem Wimmern und Aufschluchzen. Zwischenzeitlich schläft das Kind oft kurz ein.
5. Nach dem letzten Aufschluchzen erfolgt ein entspanntes Schlafen.

Bei uns haben diese fünf Phasen ca eine Stunde gedauert.
Wir haben das begleitende Weinen lassen praktiziert, als wir sicher waren, dass keine körperlichen Ursachen (Besuch beim Kinderarzt UND beim Osteopathen, sowie kein Zahnen) oder Entwicklungsschübe (App "Oje ich wachse") der Grund für die Unruhe war. Trotzdem war die Sorge da: schläft sie jetzt, weil es ok ist und sie ihren Kummer los ist - oder weil sie einfach zu erschöpft ist, weiter zu machen. Ich hielt sie danach beim ersten Mal die ganze Nacht im Arm, um bei ihr zu sein, wenn sie aufwachte und ihr das Gefühl zu geben, dass wir das zusammen durchstehen - und damit sie nicht das Gefühl hat, ich will sie nur weglegen. Stillen hat bei uns immer getröstet, aber nach 8 Wochen mit nur Baby-an-der-Brust-Nächten und mind. eine Woche ohne Zahnen, Erkältung und Schub, haben wir es nach Besuchen beim Kinderarzt und Osteopathen zum ersten Mal getestet. Da haben wir dann mal nicht die Brust gegeben, sondern es gemeinsam durchlebt - und danach schien es besser... bis zum nächsten Zahn. 😅
Eine Babysprechstunde (beraten bei Schlaf-, Schrei- und Essensproblemen) kann auch oft helfen, wenn man vorher wirklich alles abgecheckt haben will.

Beim begleitenden Weinen achtet man auf eine bestimmte Art des Haltens:
- das Baby wird möglichst fest aber zärtlich gehalten: der Kopf so, dass das Baby ihn nicht selbst halten muss, sondern sich entspannen kann - Arme, Beine und Körper so, dass es sich auch bei heftigerem Gestrampel nicht löst oder fällt, sondern sich eng gehalten fühlt, wie beim Pucken!
- Den Kopf des Babys möglichst ähnlich wie beim Stillen bzw. möglichst nah am Herzen.
- Den Körper seitlich wie beim Stillen oder längst vom Herz bis zum Bauch.
- Wenn man das Gefühl hat, zu wenig Hände zu haben, besonders wenn das Kind sich wehrt und strampelt, kann ein Stillkissen als Stütze helfen!
Oft half ihr diese Art des Gehalten Werdens auch nach aufregenden Tagen beim Einschlafen - ganz ohne Weinen. Sie meckerte und zappelte einen Moment und kam dann zur Ruhe.

Es gibt inzwischen einiges an Werken zum "begleitenden Weinen". Leider muss ich sagen - wie so oft sind diese Werke sehr dogmatisch. Jedes Kind müsse mal weinen, Trösten im beruhigenden Sinne sei dabei immer falsch, sogar "Troststillen fördere Essstörungen" habe ich gelesen. Das halte ich ehrlich gesagt für Blödsinn.
Stillen erfüllt neben Nahrung so viele Bedürfnisse, z. B. nach Nähe, Mamas Herzschlag und Geruch, Geborgenheit. Dadurch wirkt es natürlich auch Angst reduzierend. Nuckeln entspannt, Schnuller heißen ja nicht umsonst Beruhigungssauger. (Das Annehmen eines Schnullers ist für manche Kinder aber etwas Übungssache.) Stillen senkt sogar das Schmerzempfinden. Zu stillen, um auch andere Bedürfnisse als Nahrung zu erfüllen, kann damit meines Erachtens nicht falsch sein. Trotzdem wurde das Schlafen bei uns nach dem begleitenden Weinen erst wirklich besser, als ich das Gefühl bekam, das nächtliche Nuckeln ist jetzt kein Bedürfnis mehr, sie wirkte nicht mehr so verzweifelt dabei, sondern total entspannt. Es war halt zur Gewohnheit geworden. Das zu trennen war eine Sache von ein paar Abenden leichtem Gemecker. Dazu hab ich sie wie oben geschrieben gehalten und ihr den Schnuller (an den ich sie schon vorher gewöhnt hatte und den sie zumindest ab und zu mal zum Nuckeln nahm und kannte) anbot.
Außerdem denke ich, es gibt Menschen, die sind eher für Ruhe und etwas Ablenkung zu haben. Mein Mann und mein Sohn brauchen nach stressigen Tagen Sofa, Hörspiele, kuscheln... - wenn es mir nicht gut geht, dann schimpfe oder erzähle oder weine ich. Nimmt man mich dann nicht ernst, verletzt mich das sehr. Würgt man mich dabei ab, schleppe ich es ewig mit mir rum, bis es schließlich doch herausbricht und es mir danach endlich besser geht. Deswegen sprach mich das begleitende Weinen vermutlich an - denn es besteht ja keine geringe Chance, dass meine Tochter evtl. genauso tickt...

Zum Schluss möchte ich berichten, wie sie sich in den zwei Wochen nach dem begleitenden Weinen entwickelte:
- Papa wurde plötzlich als Bezugsperson ganz anders akzeptiert, angestrahlt und konnte sie beim Weinen beruhigen und sogar ins Bett bringen.
- Nahrung wurde ganz anders akzeptiert, so dass ich innerhalb von zwei Wochen nicht mehr voll stillte.
- Motorisch machte sie einen riesen Satz: robben, klatschen, hinsetzen, Kniestand, hochziehen, mit Hilfe stehen, krabbeln - alles in den zwei (!) Wochen danach...
Alles in allem wirkte sie glücklicher und zufriedener.

Dienstag, 19. April 2016

Homöopathie

Das Buch "Die Homöopathie-Lüge" (Weymeyr/Heißmann) heizt die Diskussion um die Wirksamkeit von Globolis neu an.

Zusätzlich bringen mich meine eigenen Beobachtungen zur etwas provokanten Frage: sind Globolis eine Einstiegsdroge? Kleinkindern wird bei jedem noch so kleinen Sturz was Homöopathisches (z. B. Arnica) gegeben, Schulkindern nehmen dann als Steigerung schon gegen alles pflanzliche Mittel statt Umgangsarten zu lernen und/oder nach Ursachen zu fragen (z. B. Baldrian statt Atemübungen gegen Nervosität), Abiturienten treten als Steigerung dessen oft schon mit verschreibungspflichtigen Aufputsch- oder Beruhigungsmitteln zur Prüfung an... was kommt danach?

Ich habe verschiedene Fronten zu dieser Frage ausmachen können: welche Position vertretet ihr?

- Die Homöopathie-Fans: geben bei jedem Kratzer das passende Globoli, unterstützen das Immunsystem beim ersten Anzeichen einer Krankheit homöopathisch und sind von der Wirksamkeit überzeugt bzw haben sie erlebt.

- Die Schulmediziner: auch bei ihnen ist gegen alles ein Kraut gewachsen, nur halt ein chemisches mit vielen Wirksamkeitsstudien. Fieber wird schon bei 38 Grad gesenkt, eine laufende Nase behandelt und dem Immunsystem möglichst alles abgenommen. Der Körper soll schnellstmöglich wieder fit werden.

- Die Mittleren: lassen dem Körper/dem Immunsystem erstmal selbst Zeit zu reagieren: Fieber brennt Viren aus, eine Beule schadet nicht, ein Kratzer heilt von selbst. Bei längeren Sympthomen (z. B. hartnäckige Grippe, Zahnungsproblemen) greifen sie zuerst mal zur Homöpathie oder zu sanften pflanzlichen Mitteln (deren Wirksamkeit meist eindeutiger ist) und greifen bei stärkeren oder anhaltenden Sympthomen auch mal zur Schulmedizin.

- Die psychischen Skeptiker: sind besorgt über die Mentalität, die mit der wahllosen und häufigen Gabe von Homöopathie und Globolis bzw Medikamenten aller Art anerzogen wird: gegen alles ein Medikament nehmen.

- Die medizinischen Skeptiker: die Wirksamkeit himöopathischer Mittel sei nicht nachgewiesen, Studien die das behaupten oft nicht aussagekräftig, der "Glaube" an Homöopathie sei logisch-wissenschaftlich überholt, es besteht eine Gefahr durch Selbstbehandlung bei schweren Erkrankungen oder im besten Fall ein Gewöhnungseffekt bei zu häufiger Globoli-Gabe, die jede eventuelle Wirkung auf Dauer ruiniert.

- Die Placebo-Fans: setzen auf den Placebo Effekt bzw darauf, dass Eltern z. B. entspannter sind, wenn sie ihrem kranken Kind irgendwie helfen können, wodurch die Kinder entspannter werden und es ihnen besser geht. Sind doch nur Globolis - was soll es schaden?!

Prinzipiell würde ich uns irgendwo zwischen Skeptiker und Mittelweg einordnen. Vor der ersten Schwangerschaft hatte ich mit Homöopathie nichts am Hut. Trotzdem habe ich bei beiden Kindern einiges ausprobiert, vor allem gegen Unruhe, Koliken und Zahnungsschmerzen. Geholfen hat - eigentlich nix.
Bei Weleda Fieber und Zahnungszäpfchen hatte ich manchmal das Gefühl es hilft - aber vielleicht auch eher gegen Blähungen wegen der rektalen Stimulation. Ansonsten eher erstmal den Körper alleine machen lassen, dann "Techniken" (wie z. B. Atemübungen, Dampfinhalation, etc.), SchüsslerSalze oder Pflanzliches als Homöopathie (wobei ich es trotzdem noch immer mal probiere) - und dann Schulmedizin. 😊

Mittwoch, 30. März 2016

Belohnung und Strafe

Ein gewisser Herr Pawlow machte bei seinen Hunden eine interessante Entdeckung: vor jedem Füttern wurde eine Glocke geläutet - beim Füttern sabberten die Hunde (ein angeborener Speichelreflex). Nach einer gewissen Zeit, sabberten die Hunde schon, wenn sie nur die Glocke hörten, die Glocke war durch die Verbindung mit Futter ebenfalls zum Auslöser des Reflexes geworden. Das Konditionieren war entdeckt.
Skinner entwickelte das Ganze unter dem Namen Behaviorismus noch weiter: er belohnte z. B. Tauben immer mit Futter, wenn sie den Kopf in eine bestimmte Richtung bewegten - und hatte sie so in kürzester Zeit soweit, dass sie das Gesicht einer bestimmten Person seiner Wahl aus einem Foto pickten.
Was bei Tieren funktioniert, funktioniert genauso beim Menschen. Wird eine bestimmte Situation wiederholt mit einem bestimmten Reflexauslöser verknüpft, löst irgendwann schon die Situation den Reflex aus. Häufig ist das z. B. bei Kindern zu beobachten, die geschlagen werden: eine laute Stimme zusammen mit einer hecktischen Bewegung führt dazu, dass sie zusammen zucken oder sich ducken.
Der Behaviorismus ist das, was viele Eltern und Erzieher täglich anwenden, um das Verhalten ihrer Zöglinge zu beeinflussen.
Man unterscheidet dabei vier Arten, ein gezeigtes Verhalten zu beeinflussen: positive und negative Belohnung sowie positive und negative Strafe. Negativ ist hier nicht als schlecht, sondern als Wegfall von etwas gemeint.
- Eine positive Belohnung gibt einen guten Reiz, z. B. Belohnung durch Süßigkeiten für ein erwünschtes Verhalten.
- Eine negative Belohnung lässt einen schlechten Reiz wegfallen, z. B. wenn Schüler besonders gut mitgearbeitet haben und darum keine Hausaufgaben machen müssen.
- Eine positive Strafe gibt einen schlechten Reiz, z. B. Zimmerarrest.
- Eine negative Strafe entzieht einen guten Reiz, z. B. Fernsehverbot.
Diese Art der Verhaltensmodifikation zeigt schon bei Kleinstkinder Erfolg: Schreikinder, die bei jeder noch so kleinen Schreipause sofort durch Lächeln und körperliche Zuwendung belohnt wurden und während der Schreiphasen ignoriert wurden, schrien schon nach kurzer Zeit weniger (diese Experimente stammen aus den 1960er Jahren und sind mit dem heutigen Wissen von Urvertrauen nicht mehr zur Nachahmung zu empfehlen, zumindest nicht das Ignorieren - die positive Belohnung für Schreipausen kann immer noch hilfreich sein!)

Uns stellte sich jedoch die Frage, wollen wir unsere Kinder dressieren oder sie zu selbständig denkenden Menschen erziehen? Letzteres ist zwar anstrengender (Kinder mit eigener Meinung ;) ), aber wie schon Hannah Arndt wusste: die Kinder und Jugendlichen, die wir als Erzieher anstrengend finden, weil sie alles hinterfragen und kommentieren müssen, sind die Erwachsenen, die wir brauchen, um zu verhindern, dass sich so etwas wie der Zweite Weltkrieg wiederholt. Wer nur lernt, sich an Autoritäten und deren Lob/Strafe zu orientieren, wird auch im späteren Leben eher unhinterfragt Autoritäten folgen. Wer nicht versteht, warum etwas richtig oder falsch ist, wird seine Handlung nicht aus Einsicht, Mitgefühl oder Mitdenken ändern, sondern nur bezogen auf sich selbst ändern: ich will eine bestimmte Reaktion meiner Eltern auslösen oder vermeiden, also muss ich mich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten. Sind meine Eltern nicht da, tu ich, was ich will.

Für uns bestand der Weg dorthin u. a. darin, dass wir nicht mit Lob und Strafe zur Verhaltensmodifikation arbeiten wollten. Statt dessen wollten wir konsequent sein - und sie die Konsequenzen ihrer Handlungen erfahren lassen, damit ihnen immer bewusst ist, dass all ihre Handlungen gute oder schlechte Konsequenzen haben, unabhängig von Mama und Papa. Wir erhoffen uns davon auch, dass sie schon als Teenager, aber erst recht als Erwachsene, wissen und bedenken, dass alles Folgen hat und bedenken, ob sie damit leben können.
Natürlich loben wir unsere Kinder (wenn es angebracht ist und nicht für jeden queren Pups, z. B. eher "ich find's toll, dass du dich mit deinem Malbuch so gut alleine beschäftigt hast" als für drei krakelige Striche in Begeisterung auszubrechen - oder auch mal "ich find es toll, dass du Spaß am Malen hast, aber nur dreimal um das Ausmalbild zu kreisen mit dem Stift ist nicht so schön, komm, wir malen es zusammen ganz aus" - es ist für die Kinder oft viel schöner, wenn sie wirklich WAHRGENOMMEN werden und nicht einfach nur alles "super" ist).
Natürlich empfinden sie einige Konsequenzen als gut/Belohnung, andere als blöd/Strafe. Darum geht es auch nicht - wir Erwachsenen finden manche Folgen im Leben ja auch schöner als andere. Wichtig war uns nur, dass die Konsequenzen logisch im Zusammenhang zur Handlung steheen - und nicht primär von Mama und Papa gemacht werden. Wichtig war uns, dass sie lernen, (vorher) über ihre Taten und deren Wirkung (auch auf andere) nachzudenken - und nicht nur bzgl dessen, was sie evtl damit erreichen wollen. Umgekehrt heißt das nicht, dass wir sie nicht vorwarnen, was die Konsequenzen sind (z. B. dass es draußen ohne Schuhe kalt sein könnte) und/oder die Intensität der Konsequenzen etwas beeinflussen (z. B  heimlich die Gummistiefel einstecken, damit man eben nicht den ganzen Weg ohne Schuhe laufen muss). Dafür sind wir schließlich die Eltern - Konsequenzen statt Strafen befreien uns nicht von unserer Fürsorgepflicht, sie verlangen von uns nur etwas mehr Überlegung und mehr Aufmerksamkeit/Wahrnehmung unserer Kinder.
Einige Beispiele aus unserem Alltag:
- Wenn man sich nicht die Hände wäscht, passiert eigentlich erstmal nichts. Wenn man sich vorm Kochen die Hände nicht wäscht, darf man nicht helfen (weil Mama erklärt, dass es auch unsichtbaren Dreck gibt und den wollen nicht alle von deinen Händen mitessen). Wenn man sich gar nicht mehr waschen will, kommt Mama mit dem Waschlappen und verhandelt (weil man sich ab und zu mal sauber machen muss, um gesund zu bleiben und das Haus sauberer zu lassen - weil ich meine Kinder aber nicht zwangswaschen will, es ist ihr Körper).
- Um 20h ist Feierabend für Mama und Papa. Macht man sich abends schnell fertig, haben Mama und Papa noch viel Ruhe zum Spielen, Vorlesen und kuscheln. Vertrödelt man die Zeit mit bockig sein oder was anderem, fällt die Kuschel- und Vorlesezeit kürzer aus.
- Ohne Helm gibt es kein Fahrrad (na gut, die ganz logische Konsequenz wäre eine Schädelverletzung beim Unfall zu riskieren, das haben wir auch mal spielerisch so erklärt, aber die in unseren Augen doch relativ logische Regel, haben unsere Kinder auch eingesehen).
- Stößt man sein Glas um, wird nicht gemeckert, aber man muss aufwischen helfen.
- Macht man etwas kaputt, ist es kaputt. Macht man etwas von anderen kaputt, muss man für Ersatz sorgen.
- Manchmal kann man auch statt Verbote/Strafe/Wutanfälle Alternativen anbieten. Statt "du musst jetzt Zähne putzen" - "welche Zahnbürste möchtest du heute benutzen", statt "wenn du das Puzzle mit zum KiGa nimmst und ein Teil verlierst, bist du traurig" - "willst du nicht lieber denn Bagger mitnehmen?", statt "ich möchte nicht, dass du die Schublade ausräumst" - "guck mal, hier ist ein ganzer Schrank mit Tuppertöpfen" oder auch "würdest du diesen Schrank ausräumen, sauber putzen und wieder einräumen?"
- auch Erklärungen funktionieren früh, bei uns war eins der ersten Sachen "Wenn du mit dem Besteck auf den Tisch haust, bekommt der Tisch Macken und Mama aua im Kopf, weil das so laut ist. Kannst du auch in die Hände klatschen, zum Musik machen?" (Man muss halt meistens nur wissen, WARUM sie etwas tun.)
Bis jetzt funktioniert es ausnahmslos gut. Das Meiste machen die Kinder eh so, wie wir es vorleben (z. B. viel Bitte und Danke sagen, sich die Hände waschen, wenn man heim kommt, mit Helm Rad fahren...). Sollte es bei Verhaltensregeln, die uns wichtig sind, mal nicht funktionieren, müssten wir uns überlegen, wie wir reagieren wollen - aber bisher war das nicht nur nicht nötig, wir erleben unseren Großen auch als sehr überlegt. Als ich mal ein fremdes Auto aus Versehen beschädigte und noch geschockt da stand, nahm mein 3-Jähriger mich an die Hand und meinte: "Ist nicht so schlimm, Mama. Das war ein Unfall. Du musst jetzt die Polizei anrufen und Bescheid sagen.":D
Manches dauert jedoch länger. Z. B. kenne ich kein Kind, dass mit 2-3 Jahren nicht plötzlich zum schlechten oder hampeligen Esser wird. In meinem Bekanntenkreis haben einige es so gelöst, dass die Kinder für jedes vernünftige Essen eine Belohnung bekommen, meist Süßigkeiten. Es funktioniert durchaus viel schneller wieder besser als bei uns - nur frag ich mich, was man dabei mit dem natürlichen Körpergefühl und Essverhalten macht, wenn man es so manipuliert.
Ein interessantes Beispiel habe ich vom Beißen. Manche Kinder stecken so vor der Sprachentwicklung ihre Grenzen ab. Wir haben unseren Sohn nie dafür bestraft, denn wir fanden es ok, dass er deutlich machte, was er nicht will. Wir haben ihn jedoch immer erklärt, dass es ok ist, etwas nicht zu wollen, aber nicht ok, anderen weh zu tun. Man kann statt dessen "nein" sagen oder zu Mama/Papa/Erzieherin laufen oder weggehen usw. Allerdings haben wir ihm auch erklärt, wenn ein anderes Kind zurück haute, dass das halt mal passiert, wenn man jemanden weh tut - das kann die Konsequenz daraus sein und es ist nicht schön, wenn man anderen weh tut. Ich gebe zu, es hat mehrere Wochen gedauert, bis es weniger wurde und verschwand erst mit der Sprachentwicklung komplett.
Ein anderes "Beißer"-Kind wurde von der Mutter immer zurück gebissen "damit es lernt, dass das weh tut". Es hörte viel schneller auf zu beißen als unser Sohn - zumindest solange ein Erwachsener dabei war. Fühlt er sich unbeobachtet, haut er bis heute andere Kinder, wenn er etwas nicht will. Erstens denkt er, dass ist als "Strafe" ok, Mama macht das ja auch so; zweitens hat sich sein Verhalten nur geändert, wenn eine strafende Instanz in der Nähe ist; drittens hat er ja keine anderen Handlungsalternativen gelernt, er weiß ja gar nicht, wie er anders reagieren könnte.